Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 4 (Januar 1931)
- Article
- Eine jüdische Gemeindeorganisation in Breslau zu Beginn des 18. Jahrhunderts
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 301 (sequence 1)
- Language
- German
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Miszellen Eine judische Gemenideorganisation in Breslau zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Als die erste Organisation der Juden in Breslau gilt die Kranken-Verpflegungs-Anstalt (Ktfnj? inin)' deren zweihundertjähriges Bestehen im Jahre 1926 gefeiert wurde. Grätzer1) meint: „sie sammelte ... die vereinzelten Bestrebungen des Judentums in Breslau in eine höhere Einheit und wurde dadurch ein Grundpfeiler der Gemeinde". Lewin2) wie Grätzer wollen das Jahr 1713 als Wendepunkt in der Geschichte der Breslauer Juden annehmen3), vor dem die Gründung der Israelitischen Kranken-Verpflegungs-Anstalt unmöglich sei4). Grätzer5) läßt noch die Möglichkeit zu, einen „chronologischen Irrtum von höchstens 10 Jahren zu begehen" und die Gründung der Israelitischen Kranken-Verpflegungs-Anstalt vielleicht in die Jahre 1713—23 zu setzen, obwohl „der damalige bürgerliche und intellektuelle Zustand der Breslauer Israeliten . . . noch nicht so weit vorgeschritten war, um einen nach Außen und Innen vollständig ausgearbeiteten Verein ohne weiteres ins Leben zu rufen". Dagegen verneint Lewin6) diese Möglichkeit und will den Anfang der Israelitischen Kranken-Verpflegungs-Anstalt erst in das Jahr 1724 legen. Was die Organisation der jüdischen Gemeinde anbetrifft, so will Brann im A) J. Grätzer, Geschichte der israelitischen Kranken-Verpflegungs-Anstalt und Beerdigungs-Gesellschaft zu Breslau, Breslau 1841, S. V. 2) L. Lewin, Geschichte der israelitischen Kranken-Verpflegungs-Anstalt zu Breslau, Breslau 1926, S. 14 f. 3) In jenem Jahre entstand der sog. Toleranz-Impost (die österreichische Regierung führte eine Staatssteuer ein, deren Entrichtung den schlesischen Juden den Aufenthalt in Breslau ermöglichte). Brann, Geschichte des Landrabbinats in Schlesien, Breslau 1887, S. 18; Lewin, a.a.O., S. 15. *) Grätzer, a. a. O., S. 5. 5) Grätzer, a. a. O. «) Lewin, a. a. O., S. 15. Jahre 1722 „eine lose Grundlage einer Verfassung finden"'), und Lewin wieder behauptet, daß die 775 jüdischen Seelen, die in diesem Jahre in Breslau lebten, „jeglicher Organisation und jeglicher Zusammenfassung entbehrten" 8). Alle diese Behauptungen werden auf Grund der offiziellen Urkunden aufgestellt, in denen jede Spur einer organisierten jüdischen Gemeinde fehlt. Dies kann sich aber wohl nur auf eine nach außen hin behördlich anerkannte jüdische Gemeindeorganisation beziehen, für die allerdings erst das Edikt vom 6. Mai 1744 als ausschlaggebend anzusehen ist. Dies aber gilt wieder nicht nur für die Gemeinde, sondern auch für die Kranken-Verpflegungs-Anstalt9)! Anders ist es aber, wenn wir die innere Gemeindeorganisation der Breslauer Juden betrachten. Ebenso wie für die Existenz der Israelitischen Kranken-Verpflegungs-Anstalt vor der preußischen Herrschaft10) besitzen wir auch inoffizielle Quellen, einige Notizen, die für die Existenz einer beträchtlichen. Anzahl von Juden und einer organisierten jüdischen Gemeinde vor 1713, vielleicht schon um die Wende des 17. Jahrhunderts, sprechen. Ein jüdischer Reisender, Abraham Konki11), besuchte Breslau in den letzten Jahren des 17. oder in den ersten Jahren des 18. Jahrhunderts. Er verließ im Jahre 1688 seine Heimatstadt Chebron (Palästina) und begab sich nach Europa, um dort Geld für die Armen seiner Stadt zu sammeln. 1693 kehrte er in seine Heimat zurück, um sich später, zu Beginn des 18. Jahrhunderts, wieder nach Europa zu begeben. Im Jahre 1704 gibt er in Amsterdam sein Werk „Abak Soferim"12) heraus. Aus seiner Einleitung können wir seine Reiseroute ersehen, ') Braun, a. a. O., S. 20. 8) Lewin, a. a. O., S. 12. 9) Grätzer, a. a. O., S. 10. 10) Grätzer, a. a. O., S. 12; Lewin, a. a. O., S. 14. n) Vgl. Evrejskaja starina XII (russ.), Leningrad 1928, S. 208 f. 12) Steinschneider, Cat. Bod., p.675. 4 301