Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 4 (Januar 1931)
- Article
- Studien über die bauliche Entwicklung der Judengassen in den deutschen Städten
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 300 (sequence 17)
- Language
- German
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Alexander Pinthus. Studien über die bauliche Entwicklung der Judengassen in den deutschen Städten falls schon vorbei war. Unter den äußeren Verhältnissen der Juden ist das wohl erklärlich. Mit zeitgenössischen Innenräumen verglichen [etwa der jüdische Gelehrte in seinem Studierzimmer (Not. 45) mit dem Dürerschen heiligen Hieronymus im Gehäuse (1514) oder der Wohn- und Geschäftsraum des jüdischen „Wucherers" (Not. 43 und 44) mit Darstellungen gleichzeitiger bürgerlicher Wohnräume20)] erscheinen die jüdischen Innenräume in einer Schmucklosigkeit, welche durchaus die gedrückte Lage jener verfolgungsreichen Zeit enthüllt. Eine Andeutung besserer Raumausstattung zeigt übrigens das Kontor des Augsburger Geldleihers (Not. 47). Die Küche und das Wohnzimmer aus der Amsterdamer Hagadah (Not. 56) mögen als Illustration jüdischer Wohnräume des 17. Jahrhunderts gelten. Die Ausmalung von Zimmern (Not. 41) und Stuckdekorationen der Decke, die aus Wien (Not. 52) berichtet werden und in Frankfurt (Not. 54) noch lange Zeit erhalten waren21), sind ein Raumschmuck, der wohl auch sonst nichts Außergewöhnliches bedeutete22). Soweit an das jüdische Wohnhaus keine besonderen Anforderungen an Raumzahl und Größe herantraten, lagen naturgemäß keine Notwendigkeiten vor, Formen zu entwickeln, die von den gebräuchlichen sich unterschieden. Wo aber besondere Umstände wie in der Frankfurter Judengasse vorlagen, nahm das Haus zwangsläufig eine außergewöhnliche Form und Ausnützungsweise an. Daß diese übersteigerte Ausnutzung des auf dem Grundriß des Einfamilienhauses errichteten Frankfurter Hauses nicht die schlimmsten hygienischen und moralischen Folgen der Slumbildung zeitigte, dürfte nur der religiös geregelten Lebensführung und den strengen Vorschriften und Gebräuchen über die Hausreinigung und Unterhaltung zu verdanken sein, die mit dem Sabbath und besonders mit dem Pessachfeste verknüpft sind. So wenig die Judengassen auf den ersten Blick den anderen Wohnstraßen gegenüber eine besondere Eigenart offenbaren, so wenig zeigt das jüdische Wohnhaus von dem allgemeinen Bürgerhaus im Grundriß und Aufbau ein abweichendes Bild. Liegt in der Unmöglichkeit, eigene Hausformen zu bilden, an sich schon eine Folgeerscheinung der jüdischen Lebensverhältnisse, so geht doch aus den Beschreibungen und Bauvorschriften hervor, wie die üblichen Hausformen unter den obwaltenden Umständen, den wechselnden Ansprüchen folgend, benützt und gewandelt werden. 20) G. Hirth: „Das deutsche Zimmer", S. 13: „Der Besuch", Kupferstich v. Israhel van Meckenem. 2*) Baudenkmäler Frankfurts III, S. 255 u. 261. 22) Vgl., d. Wandmalereien aus d. 13., 14. und 16. Jahrh. bei Keussen: „Das Kölner Wohnhaus im Mittelalter" (Rhein. Mitt. V, 1, 1911, S. 108 ff.) sowie Vogts, a. a. O., S. 150, u. v. Essenwein, a. a. O., S. 121—127. 300