Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 1 (April 1930)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1930-04-01
- Page
- Seite 83 (sequence 2)
- Language
- German
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angefügt. Die Ausgabe enthält 73 bisher noch nicht veröffentlichte Briefe Mendelssohns an seine Braut und später an seine Gattin, sowie einige Familienbriefe, ferner 33 Briefe an einen Verwandten seiner Frau in Hamburg namens Josef Meyer Schmalkalden, die gleichfalls noch nicht bekannt geworden sind. Die erstgenannten neuen Briefe stammen aus dem Besitz der Familie von Mendels* söhn, die letztgenannte Korrespondenz aus amerikanischem Privatbesitz. Von den bereits aus früheren Veröffentlichungen bekannt gewesenen Briefen sind die Texte kritisch revidiert. Unter den Korrespondenten befindet sich Mendelssohn selbst mit 191 Nummern, 25 sind an ihn gerichtet. Am zahlreichsten sind die Briefe an seine Braut und Gattin und an seinen Verwandten und Freund Herz Elkan in Leipzig. Die meisten Briefe sind in jüdisch-deutscher Sprache geschrieben, einige, die von gelehrten Sachen handeln, in rein hebräischer Sprache. Der gesamte Briefwechsel ist in hebräischer Quadratschrift wiedergegeben und zwar in einem ganz ausgezeichneten Satzbild, dessen Benutzung durch den beigegebenen praktischen Zeilenzähler erleichtert wird. Zwei Handschriftproben sind beigegeben. In der Einleitung verbreitet sich Borodianski kritisch über die bisherigen Veröffentlichungen Mendelssohn'scher Briefe, kennzeichnet die Vorzüge der Neu-Ausgabe und betrachtet die Art des Mendelssohnschen jüdischen Briefstils. In seine Kritik schließt er auch die von mir in meinem Buche „Die Familie Gomperz" veröffentlichten Stücke aus dem Briefwechsel zwischen Mendelssohn und seiner Braut ein, die ich seinerzeit mit Erlaubnis der Familie von Mendelssohn hatte benutzen dürfen. Zur Benutzung stand mir damals freilich nur die von Ludwig Geiger gefertigte Uebertragung zur Verfügung. Allein bei der Vergleichung jetzt mit den hier abgedruckten Originalen finde ich, daß die Differenzen so geringfügig und vor allem für meine Darstellung, die Aron Gomperz galt, so belanglos sind, daß ich Borodianskis Urteil, der mangelnde Einblick in die Originale mache sich in meinem Buche besonders empfindlich bemerkbar, nicht begreifen kann. Der Einleitung läßt Borodianski Anmerkungen zu den Briefen, die sich auf Quellen, Text, Inhalt und Personen beziehen und mit ausgezeichneter Sachkenntnis die Briefe kommentieren, folgen. Die durch das Mendelssohn-Jubiläum entstandene neue Literatur bringt freilich bereits manche Ergänzung zu diesen Angaben; ich verweise besonders auf die in dieser Zeitschrift erschienenen Aufsätze über Moses Mendelssohn. Sehr gründlich und für die Lektüre des Briefwechsels unentbehrlich ist das beigegebene Verzeichnis der im Text der Schriftstücke vorkommenden Abkürzungen. Ein chronologisches und ein nach den Adressaten geordnetes alphabetisches Verzeichnis sowie ein Namens- und Ortsregister erleichtern in übersichtlicher Weise den Gebrauch des Buches. In letztgenanntem Register sind einige Druckfehler zu verbessern. Die hebräischen Texte sind mit solcher Sorgfalt gedruckt, daß ich kaum Druckfehler entdeckt habe (Seite 144, Zeile 31 muß es „mündlich" statt „mißlich" heißen, Seite 174, Zeile 28 sind zwei kleine Fehler zu verbessern). Man kann der vorzüglichen Ausgabe nur uneingeschränktes Lob spenden. Für die philosophischen, literarischen und religiösen Anschauungen Mendelssohns sowie für die Entwicklung seiner Ideen und Schriften bringen die jetzt zum erstenmal veröffentlichten Briefe nichts Neues von Bedeutung. Dafür erschließen sie umso reicher die Persönlichkeit und den Charakter dieses Weisen, da selbst in den rein geschäftlichen Briefen die Vornehmheit seines Wesens, die Feingeistigkeit seiner Bildung und die Formschönheit des Ausdrucks hervortritt und den Briefwechsel stets über das Niveau gewöhnlicher Korrespondenz hinaushebt. Zahlreich trifft man auf eingeflochtene Sätze kluger und gütiger Weisheit. Besonders anziehend in Ton und Gemütsausdruck sind die Briefe an die Braut. Alles durchleuchtet ein feiner Humor, aber ebenso aufrichtig und ernst sind die Urteile über Menschen. Besonders in der herben Kritik der vornehmen und reichen Berliner Juden, mit denen Mendelssohn Umgang hat, zeigt sich die aufrechte und selbständige Art seines Charakters. Für die Schilderung seiner Persönlichkeit und seines ganzen Kreises bietet diese Brief- 83