Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 1 (April 1930)
- Article
- Ergänzung zum Aufsatz von Alfred Stern über Friedrich II.
- Date
- 1930-04-01
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
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Alfred Stern. Kaiser Friedrich II., der Hohenstaufe, und die Juden Friedrich hat nach den ersten Formulierungen des jüdischen Abhängigkeitsverhältnisses als Kammerknechtschaft4) Deutschland nur noch wenige Male und nur für kurze Zeit besucht. Seine Interessen waren von den italienischen Kriegen in Anspruch genommen. Was aus den unverkennbaren Tendenzen bei ruhiger Fortentwicklung entstanden wäre, läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, es spricht aber eine sehr große Wahrscheinlichkeit für eine Fortentwicklung im Sinne der unteritalienischen Verfassungsverhältnisse. Daß dabei gerade die jüdischen Verhältnisse recht bald reformiert worden wären, darf man wegen der geringen Widerstände auf diesem Gebiet und der bereits im 12. Jahrhundert geschaffenen Grundlagen bestimmt annehmen. Nach alledem muß man trotz der eindringenden Forschungen Täublers nicht in Friedrich L, sondern in Friedrich II. den eigentlichen Schöpf er der jüdischen Kammerknechtschaft sehen. Wenn diese Einrichtung wenigstens der Idee nach später durchaus als Leibeigenschaft aufgefaßt, und wenn sie schon im Schwabenspiegel auf die altrömische Sklaverei der Kriegsgefangenen zurückgeführt wird, so zeigen sich da Entwicklungsmöglichkeiten, die wohl in der „Kammerknechtschaft" Friedrichs IL, aber nicht ebenso sehr in der „Kammerpertinenz" Friedrichs I. angedeutet sind. Wenn die Volkssage Friedrich IL wie einen Halbgott entrückt sein und der Wiederkehr harren läßt, so ist darin nicht allein die spätere: Entwicklungsstörung, sondern auch die große Entwicklungshoffnung symbolisiert. Es liegt im Wesen der Sache, daß in dieser Sage nicht so sehr die Sehnsucht nach verlorener staatlicher Weltgeltung als nach der Rechtssicherheit des täglichen Lebens zum Ausdruck kommt, die für Bürger und Bauer die sinnfälligste Seite staatlichen Lebens ist. Bei der entscheidenden Wendung, die seit dem Interregnum gerade in der Rechtssicherheit der Juden eingetreten ist, bedeutet Friedrichs II. Leben und Ende für die Juden in ganz besonderem Grade Höhepunkt, Wendepunkt und Ausgangspunkt neuer Entwicklung. Eine Darstellung der Judenpolitik Friedrichs II. kann sich deshalb nicht mit der Schilderung dessen begnügen, was in kurzer Zeit geschehen ist, während deren er sich in vorgerückten Regierungsjahren um den verfassungs- und verwaltungsmäßigen Status der deutschen Juden gekümmert hat. Selten läßt die Versenkung in die Wirklichkeit des Geschehenen so unbefriedigt, wie bei diesem Torso von Friedrichs Judenpolitik; aber so wenig die Wissenschaft hinsichtlich des Unerfüllten die Wege der Sagendichtung gehen kann, so wenig kann sie verhehlen, daß die Judenpolitik Friedrichs II. nur im Königreich Sizilien, aber nicht im Deutschen Reich zu ihrer Erfüllung gekommen ist. *) Mitt. d. Gesamtarchivs der deutschen Juden IV, 44 ff. — Scherers (Beiträge I, 144) der unsrigen ganz entgegengesetzte Ansicht, Friedrich II. habe nur den Ausdruck „Kammerknechtschaft" nach Deutschland gebracht, aber keinen neuen Inhalt beabsichtigt, erscheint uns wegen seiner außerordentlichen Tatbereitschaft auf dem Gebiet der Verwaltungsreform nicht haltbar. 76