Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 1 (April 1930)
- Article
- Kaiser Friedrich II., der Hohenstaufe, und die Juden
- Date
- 1930-04-01
- Page
- Seite 73 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Alfred Stern. Kaiser Friedrich II., der Hohenstaufe, und die Juden Dies ist wirklich geschehen. Aus Windsor schrieb König Heinrich HL, er habe des Kaisers Boten, einen kaiserlichen Marschall, freudig, wie es sich ziemte, und ehrenvoll empfangen, und es habe die kaiserliche Erlauchtheit zahlreiche Dankesbezeigungen ausgelöst, weil es ihr gefallen, ihn, dem englischen König, den bisher ganz unerhörten Fall mitzuteilen, der jüngst im Gebiete des Kaisers sich zugetragen hätte. Soweit es in seiner Macht stünde, wolle er des Kaisers Wünschen entsprechen, und er sende daher zwei der erlesensten Neugetauften, die in England zu finden und die allen kaiserlichen Befehlen gehorchen würden. Aehnlich dürften sich die anderen Könige Europas verhalten haben: es war ein Fall, der alle anging. Dieser abendländische Untersuchungshof — sicher der erste, den ein Kaiser zusammenrief — verbrachte nicht geringe Zeit mit Beratungen, von deren Verlauf der Kaiser sich genau unterrichten ließ und die schließlich, wie der Kaiser vermutet hatte, zuverlässig ergaben, daß die Schriften der Hebräer nichts Derartiges enthielten, vielmehr jedes Blutopfer untersagten, ja daß sogar — wie der Kaiser schrieb — der Talmud und der Berechet hohe Strafen für blutige Tieropfer festsetzten. Auf Grund dieses Gutachtens stellte der Kaiser den Juden eine Sentenz aus, die fürderhin jegliche derartige Beschuldigung der Juden im ganzen Reiche streng untersagte." Wie bekannt, hat das freisprechende Urteil des Kaisers, das drei Erzbisehöfe, zwei Bischöfe, der König von Böhmen, die Herzöge von Bayern und Sachsen und eine Anzahl von Fürsten bezeugten, den Verfolgungen der Juden in Deutschland unter der Beschuldigung der Ermordung von Christenknaben und des genossenen Christenblutes beim Passahfest keinen Einhalt getan. Beim Niedergang der kaiserlichen Macht sahen sie sich wehrlos dem Wüten und den Erpressungen niedrig- und hochgestellter Ankläger preisgegeben. An Stelle des Kaisers trat von 1246 und 1247 mit schärfster Zurückweisung der Blutbeschuldigung des Ritualmordes Papst Innocenz IV. (Aronius und Dresdner Regesten Nr. 556, S. 568). Aber auch dadurch wurde den Juden kein wirksamer Schutz gewährt, wie sie ihn von Friedrich II. erhofft haben mochten. Ergänzung zum Aufsatz von Alfred Stern über Friedrich IL Zu den vorstehenden Ausführungen seien mit Zustimmung des Herrn Verfassers einige ergänzende Hinweise zugefügt: Es entspricht der künstlerischen Anschauungsweise Kantorowicz', Denken und Handeln Friedrichs IL ganz überwiegend aus seinen persönlichen Qualitäten heraus zu betrachten. Diese Anschauungsweise ist vollauf berechtigt bei einem Mann so ausgeprägter persönlicher Kraft und Eigenart, und es ist eben darum auch berechtigt, auch seine Judenpolitik von dieser persönlichen Grundlage aus zu beurteilen, was man hinsichtlich vieler anderer Fürsten oft mit weniger Recht getan hat. Aber wenn man so verfährt, darf man die verständnisfördernde Verbindung mit Friedrichs persönlichem Wesen nicht abreißen durch 73