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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1930-04-01 · Heft 1 (April 1930) · p. Seite 67

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1930-1931
Issue
Heft 1 (April 1930)
Article
Zur Geschichte des "Rassenantisemitismus" in Deutschland
Date
1930-04-01
Page
Seite 67 (sequence 28)
Language
German
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Siegmund Feist. Zur Geschichte des „Rassenantisemitismus" in Deutschland voneinander abstehenden Rassen lange nicht so groß wie die der äußerlichen..... Die Extreme innerhalb ein und derselben Rasse gehen viel weiter auseinander als die Mittel der verschiedenen Rassen. Selbst die sogenannte reinste Rasse ist eben nichts Einheitliches, sondern besteht aus einer Unzahl von Erblinien, die trotz allem Gemeinsamen die gewaltigsten Abstufungen der Wertigkeit zeigen...... Die menschliche Geschichte lehrt keineswegs, daß gerade reine Rassen das Höchste zu leisten, die wertvollsten Menschen hervorzubringen vermögen. Die am reinsten gezüchtete, in ihrer Erbmasse homogenste Rasse war wohl die nordische; aber es gibt keine einheitliche nordische Kultur..... Unsere Kultur nahm ihren Ursprung nicht etwa um die Ostsee herum, wo die nordische Rasse ihren Sitz hatte, sondern in den Einbruchsländern. Die Kulturen nahmen in den Einbruchsländern nicht etwa sofort nach dem Einbruch der Norden ihren Aufstieg, sondern in Hellas wie in Italien erst etwa 500 Jahre später. Die Kultur des Mittelalters begann nicht etwa in Niedersachsen, wo heben Skandinavien die nordische Rasse noch heute am wenigsten vermischt sitzt, sondern in den Niederlanden, in Nordfrankreich, im Rheinland, im Elsaß, in Schwaben, Bayern und Österreich, also in den Randländern, wo am frühesten und ausgiebigsten Rassenmischung stattgefunden hat. Und wenn wir die Körperlichkeit unserer größten Männer auf die Rassigkeit prüfen, finden wir zwar bei vielfen nordische, Merkmale, aber bei fast keinem nur nordische. Der erste Blick zeigj dem Kundigen, daß weder Friedrich der Große noch Freiherr von Stein noch Bismarck reine Norden waren, von Luther, Melanchthon, Leibniz, Kant, Schopenhauer gilt dasselbe, ebenso von "Liebig und Julius Mayer und Helmholtz, von Goethe, Schiller und Grillparzer, von Dürer, Menzel und Feuerbach" und schon gar von den größten Genien der deutschesten aller Künste, der Musik, von Bach und Gluck und Haydn bis Bruckner. Sie alle waren Mischlinge." Besser kann man die Rassenklitterei nicht ad absurdum führen. Wenn die letzterwähnten Auffassungen in der Wissenschaft durchdringen, dann wäre dem Rassenantisemitismus der Boden entzogen. Schließlich müßte die bessere Erkenntnis auch auf die in diesen Fragen so lebhafte dilettantische Schriftsteller ei abfärben. Doch das ist vorläufig noch eine Zukunftshoffnung. 67 i

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