Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 1 (April 1930)
- Article
- Das Judenproblem im Wandel der Staatsformen
- Date
- 1930-04-01
- Page
- Seite 1 (sequence 1)
- Language
- German
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- IRI
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Das Judenproblem im Wandel der Staatsformen von Selma Stern Seitdem die Emanzipation des 19. Jahrhunderts den Juden zum gleichberechtigten Träger des Staatsgedankens gemacht hat, gibt es eine politische Judenfrage nicht mehr. Früher standen die Juden als Gesamtheit dem Staate gegenüber. In ihrer Gesamtheit galt für sie, besonders im Verhältnis zu dem Staatsvolk, gemindertes, auf Duldung und Gnade beruhendes Recht. Seit der politischen Emanzipation kennt der Staat nur noch den einzelnen Juden, und er kennt ihn nicht mehr als Juden, sondern nur noch als gleichberechtigten Bürger und Träger des Staats. Wenn auch in der Gegenwart die Judenfrage mehr als je die Gemüter beschäftigt und erregt, dem Einfluß des Staates als solchem ist doch das Problem entrückt. Die Judeiifragc ist heute eine gesellschaftliche Frage geworden. Zurücksetzungen, auch von staatlicher Seite, sind nicht rechtlicher, sondern gesellschaftlicher Natur, und daher Verunrechtungen. Mag auch für den einzelnen Juden sein persönliches Verhältnis zum Staate Gegenstand tiefsten Nachdenkens sein, der Staat selbst hat seine Stellung zum Juden endgiltig festgelegt und damit im Prinzip die Frage gelöst. Diese Emanzipation, die Einordnung der Juden in den Staatsverband, ist das Resultat jahrhundertelanger staatlich sozialer Entwicklungen. Es ist, von der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, politischen Seite betrachtet, das eigentliche Problem der Diaspora. Es beginnt sich in den hellenistischen Staaten zu bilden, es wird im Mittelalter gleichzeitig ein kirchliches Poblem und damit von der staatlichen Sphäre in die religiöse versetzt, es bekommt seine eigentliche Bedeutung im Zeitalter des Absolutismus, das es in gerader Linie hinüberleitet zur Lösung im modernen Verfassungsstaat. Wenn wir nun auf einem kurzen Gang durch die Jahrhunderte das Judenproblcm betrachten, so bezwecken wir damit zweierlei: Zum ersten möchten wir, in einer bewußt einseitigen, d. h. nur von der staatlichen Seite angesehenen Weise, untersuchen, wie die verschiedenen Staatstypen, also der Lehensstaat, der Ständestaat, der absolutistische Beamten- und Militärstaat, der aufgeklärte Wohlfahrtsstaat und der moderne Rechtsstaat gemäß ihrer inneren Struktur, ihrer Verfassung, Verwaltung, Wirtschaft und politischen Tendenz einem in ihrer Mitte wohnenden andersartigen Volkskörper gegenüber sich notwendigerweise verhalten mußten. l