Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zwei Mendelssohn-Festschriften [Rezension]
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 334 (sequence 3)
- Language
- German
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sehen Gesamtheit, auch der Teile, die M7s Bedeutung höchst kritisch betrachten, eindeutig auf ihn zurückführen. Das Schicksal, die Erziehung des europäischen Juden, wie er heute geworden ist, kann nur an der zentralen Gestalt Moses Mendelssohns verstanden werden. Kommt man von der Einzelforschung, die dem Mann, seinem Werk und seiner Zeit gilt, so gewinnt man aus dem Geleitwort Elbogens erst wieder die sichere Grundrichtung. Auch aus den übrigen Beiträgen schlägt ein persönlicher, warmer, beschwingter Ton entgegen. Die Einzelaufsätze werden eingeleitet durch die bekannten Forschungen Freudenthals über M's Heimat. Nicht nur die Wurzel M's wird damit bloßgelegt, wir erhalten auch einen charakteristischen Ausschnitt aus der Uebergangszeit der deutschen Juden in die neue Aera der Gleichberechtigung. Munckers berühmter, kaum mehr zugänglicher Aufsatz von 1887 aus dem ersten Jahrgang der Vorgängerin dieser Zeitschrift, die den gleichen Namen getragen hat, ist wieder abgedruckt. Die beiden Abhandlungen von Paul Michaelis und Hanns Reissner über das Echo von Moses Mendelssohn im Urteil der Franzosen zeigen besonders eindringlich, daß mit M. eine neue Epoche der europäischen Judenheit beginnt. Wie das Judentum politisch, wirtschaftlich, geistig ein Teil Europas geworden ist, führt Lewkowitz in einer feinen Analyse der M'schen Religionsphilosophie aus. Es ist reizvoll zu beobachten, wie immer wieder neue Forscher das eigentliche Rätsel „Moses Mendelssohn", die Verknüpfung des partikularistischen Religionsgesetzes mit der weltoffenen Vernunftreligion, zu lösen suchen. In der geschlossenen einmaligen Persönlichkeit ist diese Verknüpfung ungezwungen auf das harmonischste vollzogen, in der Spekulation darüber bleibt ein ungelöster Rest. Simon Bernfeld begegnen wir in einer vielleicht noch gelungeneren Arbeit als in der zuerst erwähnten Gedenkschrift; seine aus eigenem Erleben kommende Beschreibung des Kampfes der Männer der Haskala, die in der religiösen Praxis streng am Althergebrachten hingen, in ihrer Gedankenwelt aber revolutionär, oftmals det das Gedenkbuch ab, das man als 334 atheistisch oder pantheistisch waren, macht ganz neue tiefe Wirkungen Mendelssohns auf das Ostjudentum klar. Während im deutschen Geistesleben die M'schen Gedanken verhältnismäßig rasch „überwunden" wurden und die bekannten unliebsamen Erscheinungen der Abwendung vom Judentum zeitigten, entstand durch M. im Osten eine spezifisch jüdische Aufklärung, der die Erhaltung, Reinigung und Fortbildung der hebräischen Sprache und Literatur, ohne Assimilationsneigungen, zu verdanken ist. In der Flut der Neuerscheinungen über Moses M. kommt der Bernfeld'schen Arbeit die größte und aktuellste Bedeutung zu. Als wissenschaftlich gelehrte Arbeit steht in dem Gedenkbuch der Literaturvereine der prachtvolle Exkurs zur Mendelssorm'schen Pentateuch-Uebersetzung von Franz Rosenzweig unter dem Titel „Der Ewige" im weiten Abstand am höchsten. Von der allgemein stilbildenden Wirkung abgesehen habe diese Uebersetzung nur an einem Punkt in das Deutsche und in das Welt-Judentum auf die Dauer hineingewirkt: mit ihrem Gottesnamen „Der Ewige". Die glänzende Durchführung dieser These, über die hier im einzelnen nicht referiert, noch weniger eine Kritik abgegeben werden kann3 zeigt das dringende Bedürfnis, die ganz große Leistung der Buber-Rosenzweig'schen Bibelübersetzung, die in den deutschen Uebersetzungstexten unsichtbar bleiben mußte, durch Veröffentlichung der dahinter steckenden, für die Erkenntnis der Bibel epochemachenden Exegese sichtbar zu machen. Darüber ist an anderer Stelle noch zu sprechen. Ob M. wirklich die Glaubensinnigkeit der jüdischen Religion nicht „erfaßt" hat, wie Bergmann in seinem Schlußaufsatz „Moses Mendelssohn una wir" meint, ist doch sehr zweifelhaft. Es gibt Argumente und Symptome, wonach er sie besser erfaßt hat, als es heute möglich ist. Die wertvolle Studie „Moses Mendelssohns Psalmen in der klassischen Musik" von Leopold Hirschberg rundas wärmste persönlichste Zeugnis für die guten Geister ansprechen kann, die der Gedenktag vom 6. September 1929 — sicher nicht nur vorübergehend — gerufen hat.