Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 3
- Article
- Moses Mendelssohn und die religiösen Gestaltungen des Judentums im 19. Jahrhundert
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 203 (sequence 3)
- Language
- German
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Max Wiener. Moses Mendelssohn und die religiösen Gestaltunsren des Judentums im 19. Jahrhundert Bedeutung geworden ist. Darum soll hier gezeigt werden, wie seine Auslegung des Judentums leicht die Seiten erkennen und auseinandertreten läßt, die in der wirklichen Geschichte des 19. Jahrhunderts gesondert zur Auswirkung gelangen. Mendelssohn ist frühzeitig — und zwar nicht bloß bei seinen ultraorthodoxen rabbinischen Gegnern — in den Verdacht geraten, daß seine Gesamtauffassung und Behandlung des Judentums dessen religionsgesetzlich bestimmten Kern auflöse. Daß die ungewohnte Erscheinung eines philosophierenden Juden bei einem gehässigen Christen wie K ö I b e 1 e die Vermutung auslöste, Mendelssohn sei garnicht als vollwertiger Jude zu nehmen, da er „die Talmudistengebräuche vernachlässige", hat ihm selber einen Protest gegen solche Unterstellung abgenötigt1). Dieser Zwischenfall ist nur interessant, weil er zeigt, wie die gefühlsmäßige Einschätzung des Judentums seitens Außenstehender dieses merkwürdige Phänomen eines Beisammen von jüdischer Lebenshaltung und aufgeklärter Philosophie für unvorstellbar hielt. Bedeutsamer sind die Bedenken, die schon in der Frühzeit der Emanzipation ein gebildeter jüdischer Gegner gegen ihn vorzubringen hat. Saul Ascher kritisiert in seiner Schrift „Leviathan oder über Religion in Rücksicht des Judentums" (1794), wie in seiner Skizze „Die Germanomanie" (Berlin 1815) Spinozas und Mendelssohns Beurteilungen des Judentums, die für dieses verhängnisvoll seien. Ascher erkennt klar, daß der Auseinanderbruch von religiöser Lehre und geoffenbartem Gesetz, wie er den Standpunkt Mendelssohns kennzeichnet, eine unmögliche Sache ist. Es verdient dabei volle Aufmerksamkeit, daß diese kritische Stellungnahme zunächst nicht von einer Einsicht in den Charakter des Judentums diktiert ist, sondern daß sie von dem Begriff der Religion ausgeht. Diese sei unabtrennbar von einer dogmatischen, will hier sagen theoretisch weltanschaulichen, Grundlage. Gegen Mendelssohn wird der die ganze — hier etwas summarisch zusammengefaßte — Aufklärung treffende Vorwurf gerichtet, daß diese Richtung in der positiven Religion allein das Mittel sehe, das Volk zu gängeln. Mendelssohn wird im besonderen die Absicht zugeschoben, daß er seine Glaubensgenossen mit fortschreitender Bildung die überlieferte Religion möglichst vollständig wolle vergessen machen. Wiewohl Ascher an der liberal-rationalen Staatsauffassung der Aufklärung festhält, verwahrt er sich gegenüber Männern wie Fichte und Rühs dagegen, daß die Juden, um als Deutsche aufgenommen zu werden, ihrer „Nationalität" völlig entsagen sollten. Sein politisches Ideal ist Amerika, wo damals zu Anfang des Jahrhunderts die Bildung einer neuen Nation, welche die vielstämmigen Einwanderer verschmolz, noch nicht abzusehen war. Jedenfalls bleiben ihm die Juden wohl gerade darum, weil er in überliefertem Lebensgesetz und eigentümlicher religiöser Weltanschauung eine Einheit sieht, die Träger eines besonderen religiös-nationalen Ethos; und die spezifisch jüdische Weltanschauung hat, so wenig sie mit Mendelssohns Vernunftreligion einsx) Ges. Sehr. III, 72. 203