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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 202

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1929-1930
Issue
Heft 3
Article
Moses Mendelssohn und die religiösen Gestaltungen des Judentums im 19. Jahrhundert
Date
1929-01-01
Page
Seite 202 (sequence 2)
Language
German
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Max Wiener. Moses Mendelssohn und die religiösen Gestaltungen des Judentums im 19. Jahrhundert Stromes einer in sich selbst ruhenden Entwicklung sind; und so wird die unanfechtbare Feststellung von Stufen, von denen die eine aus der ihr voraufgehenden folgt, kaum möglich. Die Aeußerungen des Lebens, in denen der jüdische Geist sich über seinen Gehalt Rechenschaft zu geben sucht, erscheinen vielmehr der Bewegung der sie umfassenden Ideen eingetragen und sind so von deren Schicksal im wesentlichen mitbestimmt. So schauen wir das seltsame Bild, daß die an sich höchst beachtlichen Versuche, jüdische Denk- und Lebensgestaltung systematisch zu ergründen und darzustellen, sozusagen inselhaft nebeneinanderstehen, sich kaum gegenseitig beeinflussen, noch viel weniger in das allgemeine Bewußtsein der Judenheit eindringen, wie sie selber zumeist voneinander kaum Notiz genommen haben. Die großen Denkleistungen eines Steinheim, Samuel Hirsch, Formstecher u. a. sind vielmehr erratischen Blöcken gleichzu achten, die, untereinander ohne Zusammenhang, nur als jeweilige Endpunkte jenes Prozesses der Einwirkung auf das jüdische Denken auftreten. Was dieses eigentümliche Schema mangelnder Kontinuität noch tiefer ausgeprägt hat, ist folgendes: Das Bedürfnis nach weltanschaulicher Klärung der eigenen Lage, wofern diese Klärung in einem Gebäude theoretischer Gedanken gesucht wird, konnte hier nur sekundärer Art sein, denn im Vordergrunde stand doch, das Leben positiv bestimmend oder zu kritischer Umgestaltung anreizend, die durch das althergebrachte Religionsgesetz bestimmte Haltung. Das ungeheure Schwergewicht, mit dem diese auf dem jüdischen Dasein bürdete, mußte naturgemäß das Tempo jeder Entwicklung außerordentlich verlangsamen. Man überlege, daß die frühesten umfassenden und organisierten Bestrebungen zu einer Modernisierung der religiösen Einrichtungen, wie sie die Rabbiner-Versammlungen der 40er Jahre darstellen, sich nach Inhalt und Ziel kaum von den synodalen Versuchen, die fast ein Menschenalter später stattfanden, unterscheiden, ja, daß noch die „Richtlinien" von 1912 um fast dieselben Dinge kämpfen. Daran wird deutlich greifbar, wie 70 Jahre hindurch die wirklich packenden die jüdische Gesamtgemeinde interessierenden Gegenstände und deren Behandlung wesentlich dieselben geblieben sind. Waren so die Anregungen, die vor Erneuerung des jüdischen Nationalismus von innen her wirkten, verhältnismäßig karg oder doch einförmig, weil sozusagen die Alltagsbedürfnisse des praktischen religiösen Lebens sich nicht wandelten, so liegt es nahe, daß die theoretische Einstellung zu solchem im Beharrungszustande bleibenden Leben auch keine reich ausgebreiteten Typen aufzuweisen vermögen; vor allem können ihre Tönungen und Verschiedenheiten wiederum die Nahrung weniger von innen als von außen her beziehen und schon darum selber kaum formgebend auf die Gesinnung der Gemeinde einfließen. All diese Umstände lassen es verstehen, daß die Gestalt, die an der Pforte der neuen Zeit steht, daß Moses Mendelssohn mit seiner religionsphilosophischen Würdigung des Judentums viel weniger im eigentlichen Sinne dieses Wortes Schule gemacht hat, als daß der Zug seiner Gedanken für das ganze folgende Jahrhundert von typischer 202

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