Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 3
- Article
- Dem Andenken Moses Mendelssohns
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 191 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Reden bei der Mendelssohn-Feier in Dessau Stamm verjüngt, hat ihn zu neuen Taten befruchtet, hat Anlagen entwickelt, die bis dahin ungenutzt schlummerten, Fähigkeiten zur Entfaltung gebracht, die sonst verkümmerten. Selbst die kühnste Phantasie hätte es sich damals nicht träumen lassen, daß Juden in den verschiedensten Zweigen des Kulturlebens so achtunggebietende Leistungen hervorbringen würden, wie die Welt sie vielfach bewundert oder anklagt. Selbst die gespanntesten Erwartungen haben nicht eine solche Vergeistigung der jüdischen Religion, wie heute in allen Lagern angestrebt wird, eine solche Bereicherung der jüdischen Literatur, eine solche Vertiefung des jüdischen Gedankens vorhersehen können, wie wir seitdem erlebt haben. Wie der Riese der griechischen Sage durch die Berührung mit der Mutter Erde sich verjüngt, so ist die Lebenskraft des Judentums durch die Berührung mit der allgemeinen Kultur geweckt und gestärkt worden. Dafür gebührt Moses Mendelssohn unvergänglicher Dank nicht nur seitens der Juden, die in erster Reihe dieses Umschwungs sich erfreuen, sondern seitens der gesamten Kulturwelt, der die Segnungen dieser Arbeit zuteil geworden sind. Gewiß, das Zeitalter der Humanität ist vorüber. Innerhalb der Judenheit gibt es mächtige Strömungen, die von den Wegen Moses Mendelssohns bewußt abweichen, aber auch sie sind ohne die Mendelssohnsche Erziehungsarbeit, ohne das Mendelssohnsche Kulturideal nicht denkbar; denn es geht bei der Würdigung von Moses Mendelssohns Wirken nicht um einzelne Lehren, über deren Anerkennung und Uebernahme man streiten kann — entscheidend ist hier die neue Einstellung zur Welt, die neue Einstellung zu Wissenschaft und Kultur, der neue Geist, die Bejahung des Lebens. Das sind Energien, die unzerstörbar sind, Kräfte, die unbemerkt am Werke bleiben, Bewegung erzeugen und Leben schaffen. Wir bedürfen heute nicht mehr der Uebertreibungen, wenn wir Moses Mendelssohn beurteilen, uns genügt die geschichtliche Erkenntnis, daß sein Geist, daß seine Lebensrichtung lebendig sind, wir grüßen ihn mit der Totenklage des Dichters Ramler: Ein Weiser wie Sokrates, Den Gesetzen der Väter getreu, Unsterblichkeit lehrend, Unsterblich wie er! 2 191