Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 2 (Juli 1929)
- Article
- Die Judenpolitik Herzog Heinrichs des Reichen von Landshut
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 96 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2259275-2259276-2259279-2259849--2448-2259908- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Die Judenpolitik Herzog Heinrichs des Reichen von Landshut von Raphael Straus Der Hintergrund, von dem sich Herzog Heinrichs Persönlichkeit für uns abhebt, ist das leidenschaftliche Getümmel des 15. Jahrhunderts. Die Grundlagen der kaum erst verwurzelten christlichen Kultur des Abendlands waren gefährdet durch Zersetzung von innen und die Türkengefahr von außen her. Eine Fülle ehrgeiziger Fürsten, schwärmender Heiliger, strenger Kanoniker und skeptischer Weltleute stritten jahrzehntelang um die „Reform der Kirche an Haupt und Gliedern" und zugleich um die Gestalt des Abendmahls, die schönen Pfründen und das Cleriker-Concubinat. Das Erhabene war mit dem Absurden und Gemeinen unlösbar verkrampft, und je offenkundiger die Schäden und je allgemeiner die Kritik wurde, umso unbedingter und strenger wurden die Dogmen der katholischen Theologen, um so unversöhnlicher die Grundsätze für die Behandlung der Häretiker und der ungläubigen Juden. Umso unbedenklicher aber wurden zugleich die weltlichen Mächte in rücksichtsloser Gewaltanwendung, und sie erwiesen diese aus bekannten Gründen mit Vorliebe u. a. an den Juden. Jene Zeit ist es, deren Künstler durch die Totentänze an die Vergänglichkeit der Dinge gemahnten, um die von Kaiser und Papst bis zum Mönch und Strauchritter alle ihr Leben lang kämpften. Die Juden hatten seit den Zeiten Gregors des Großen immer wieder balancieren müssen zwischen den rivalisierenden weltlichen und geistlichen Mächten: wenn die Kirche die Unterdrückung der der Taufe Widerstrebenden verlangte, so gebot oft genug die weltliche Macht Einhalt — und wenn die weltliche Macht die Wehrlosen („homines minus potentes") gar zu sehr bedrückte, erinnerte die Kirche an die patristischen Lehren von der Notwendigkeit der Erhaltung des Judentums als Zeugnis für die christliche Lehre. Kaum jemals war diese Balance so aussichtslos wie im 15. Jahrhundert, da die Kirche wegen der verbreiteten Ketzereien ihre Dogmen gegenüber den Ungläubigen in aller Schärfe betonte und zugleich die weltlichen Mächte wegen des niedrigen Kurses der Friedenswerte in Waffen starrten. Das Baseler Konzil (1431—39) hatte die Reform ernstlich in Angriff genommen und die bayrischen Herzogtümer, die, durch die Landesteilungen geschwächt, inmitten stärkerer Nachbarn lagen, in die Reformbestrebungen einbezogen: Herzog Wilhelm war Protektor des 96