Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 1 (März 1929)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 73 (sequence 3)
- Language
- German
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dann von deutschen Mitgliedern des Sanhedrin die Rede, dessen Berufung im allgemeinen mit Enthusiasmus begrüßt war (s. S. 221). Von den deutschen Rabbinern, großenteils Anhängern „der talmudistischen Tradition" (S. 194), die zu den Mitgliedern der Versammlung gehörten, wird E. Deutz,* der Rabbiner von Koblenz, als Sprecher genannt (S. 161). Als Abgeordnete der Gemeinde Frankfurt am Main zum großen Sanhedrin werden (S. 222) Salomon Trier und Isaak Hildesheim erwähnt, über die Anchel in I. Kracauers Geschichte der Juden in Frankfurt a. M. Band II 1927 noch einiges hätte finden können (er nennt den zweiten „Hildesheimer homme de lettres"). Als es sich um die Anwendung des „schmachvollen" Dekretes vom 17. März 1808 handelte, häuften sich auch aus den Kreisen der deutschen Juden die Reklamationen dagegen. Am 22. Juni 1808 machte Hertz Loeb Lorch in Mainz, dessen Vater während der Belagerung dieser Stadt 1792 sich durch Wohltätigkeit ausgezeichnet hatte, persönliche Ansprüche auf Befreiung von den Bestimmungen des Dekretes beim Minister des Innern geltend (S. 354). Derselbe wurde Ende August 1808 als Vertreter der Juden des Departements Donnersberg, ausgerüstet mit einem Empfehlungsschreiben des Präfekten, an den Minister des Inneren nach Paris geschickt, um Befreiung von den drückenden Artikeln des Dekretes vom 17. März 1808 zu erwirken. Aber die Sendung blieb ebenso erfolglos wie spätere Bemühungen des Konsistoriums von Mainz und des Präfekten (S. 390 ff.). Aus zahlreichen Dokumenten ergibt sich, wie sehr auch die deutschen Juden im Machtgebiet des Kaiserreichs unter der Schwierigkeit zu leiden hatten, gemäß den Anforderungen des Dekretes ihre Rechtsansprüche als Gläubiger geltend zu machen. Höchst bezeichnend ist das S. 292 angeführte ehrliche Geständnis Desquirons, des kaiserlichen Procureur Substitut in Mainz: „C"est ä ce moment, qu'a commence devant les tribunaux une lutte scandaleuse entre les Chretiens et les Israeütes; ä la honte des premiers, je suis force de Ie dire, ils n'ont pas craint de mettre en oeuvre tous les moyens que peut susciter Pinjstice pour se soustraire au paiement des creances 73 les plus legitimes; appele par les devoirs de mon ministere ä porter la parole dans toutes les causes oü le decret du 17 mars devait recevoirson application, je confesse avec un sentiment de douleur, que j'ai remarque dans presque tous les cas que les Chretiens n'avaient d'autres but que d'obtenir une liberation quelque injuste qu'elle füt d'ailleurs. Je les ai vu trahir leur conscience pour trornper ä la fois leur Dieu, leurs defenseurs, leurs juges". Ein anderer Gegenstand, der auch für die Geschichte der deutschen Juden großes Interesse hat, betrifft die Napoleonische Organisation des Kultus. So vernehmen wir z. B. S. 474, daß 1809 zwischen den Gemeinden von Bonn und Koblenz ein förmlicher Kampf darüber entbrannte, wo der Sitz des Konsistoriums sein sollte. Er war ursprünglich nach Koblenz verlegt, und der erste Angriff der Bonner Gemeinde wurde abgeschlagen; aber 1810 setzte sie es durch, daß ihre diesmal vom Centrai-Konsistorium unterstützte Forderung bewilligt wurde. Eben in Bonn erfolgte 1812 seitens des Konsistoriums die Prüfung eines religiösen Lehrbuches, das Johlson, ein Professor in Kreuznach, eingereicht hatte. Aber das zu Rate gezogene Centrai- Konsistorium erklärte es, als „zu philosophisch und zu unvollständig in Sachen des Kultus", für ungeeignet zur Annahme (S. 543/544). Diese Beispiele mögen genügen, um klarzumachen, daß das Werk von Anchel auch für die Geschichte der deutschen Juden im Napoleonischen Machtgebiet volle Beachtung verdient. Zürich. Prof. Dr. Alfred Stern. Als Privat druck ist erschienen und der Redaktion soeben zugegangen „Chronicle of Ber Bernhard Ulimann 1803, translation by Carl J. Ulmann, New York 1928." Das Büchlein enthält die Geschichte der Verhaftung vieler angesehener Juden aus ganz Schwaben infolge des Verdachts der Falschmünzerei. Die Denunziation erfolgte durch den Renegaten Loeb Ulimann von Steppach. Die Haft dauerte von September 1803 bis Ostern 1804. Das Original in jüdisch-deutscher Fassung, befindet sich in Münchener Privatbesitz. Eine Besprechung des Büchleins bleibt vorbehalten.