Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 368 (sequence 72)
- Language
- German
- Belongs to
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368 Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. Jude genannt und als solcher geschmäht worden war: „Die wahre Liebe erklärte er in seinem „christlichen Unterricht der brüderlichen Liebe", suche nie sich selbst, sondern immer nur den Nächsten, nicht blos die Freunde, sondern auch die Feinde, überhaupt jeden Menschen, er sei Christ, Heide, Jude, Türke, weiß oder schwarz, böse oder gut, denn bei Gott ist kein Ansehen der Person, sondern in einem jeden Geschlecht, welcher Gott fürchtet und wirkt die Gerechtigkeit, ist angenehm Gott dem Herrn." Das zweite, von einem Laien Hans Schwalb gesprochen: „Ob Huß schon ein Ketzer wäre gewest, das noch unerkannt, dennoch soll man keinen verbrennen, Juden, Türken mit guten Werken, gelehrten Worten unterwerfen und zum Christenglauben ziehen und nit mit Feuer verbrennen, welches nit göttlich oder recht ist. Auch soll Niemand zu unsern Glauben gezwungen werden". Das dritte endlich von Joh. Eberlin von Günzburg. Dieser Prediger und Wanderlehrer der Reformationszeit, der in vielen seiner Aussprüche und Gedanken an die Ideen der neuesten Zeit gemahnt, ist für die Juden kein Radikalreformatbr; er betont ausdrücklich, daß sie zu keinem Amt gebraucht werden und daß sie gehindert werden sollen, christliche Lehren und Glaubenssätze zu schmähen, aber er hat auch den schönen Satz, der wie ein wohlklingender Akkord die manchmal mißtönende Melodie beschließen mag: „Ob Mißgläubige wollen unter uns wohnen, soll man ihnen nichts leid thun, sondern freundlich halten wie unsere Bürger." scheint mir Hagens Darstellung anfechtbar: er sucht aus den vereinzelten Stimmen einen Chor und aus gelegentlichen Aussprüchen ein Gesammturtheil zn gestalten, vergißt aber, daß den wenigen von ihm hervorgehobenen Sätzen sich viele entgegenstellen lassen, die anders lauten, ja das Gegentheil besagen, daß also diese Sätze nur das Urtheil Einzelner enthalten, nicht aber die Stimmung der ganzen Zeit characterisiren.