Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 366 (sequence 70)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2259275-2259334-2259338-2259479--0853-2259652- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
366 Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. Ueberlieferungen über den zur Belohnung im Leben gelassenen Apostel Johannes und den zur Strafe vom Tode verschont gebliebenen Kriegsknecht Malchus; die erste schriftliche Fixirung findet sich in dem Bericht eines englischen Mönches Roger von Wendower (gest. 1237), der von dem Chronisten Matthäus Paris ausgenommen wurde. Aus demselben Jahrhundert gibt es noch einige Mittheilungen; seitdem herrscht aber bis zu unseren deutschen Schriften fast ununterbrochenes Schweigen über Gegenstand und Person. Es ist nicht unmöglich, daß das Wiederauftreten der Sage in jener Zeit hervorgerufen war durch die Furcht vor dem Antichrist, der, wie man meinte, alle Feinde der Christen zum letzten entscheidenden Kampfe aufrief, und durch die vielverbreitete Angst vor dem drohenden Weltuntergang. Für Deutschland und damit für die Weltliteratur fand die Sage ihre bestimmte Form im 16. Jahrhundert. Der Bericht nennt einen Gewährsmann, den Bischof von Schleswig, Paulus von Eitzen, er gibt bestimmte Jahreszahlen an: 1542 al? Jahr der Begegnung in Hamburg, 1564 als Datum des Briefes, obwol in demselben auch die Jahre 1572 nnd 1575 angegeben sind und hat eine Nachschrift vom Jahre 1599 (1572 Antreffen in Madrid, 1599 in Danzig)-). Paulus von Eitzen erzählt: In Hamburg stand ein großgewachsener Mann, der etwa wie 50 Jahre alt aussah, mit langem Haar, barfuß, dürftiger und unansehnlicher Kleidung, in der Kirche, gegenüber der Kanzel, seufzte tief beim Anhören des Namens Christus und schlug sich dabei auf die Brust. Er nannte sich Ahasverus, gab an, er sei ein Schuster zu Jerusalem zur Zeit Christi gewesen, erzählte manches aus jener Zeit und Vieles aus den der Kreuzigung folgenden Jahrhunderten. Er habe, durch die Priester verführt, sich zu den Feinden Jesu gesellt und habe, aus Freude über dessen Verurteilung, sein Hausgesinde zusammengerufen, um den Vorbeigeführten zu sehen und den sich an sein Haus Anlehnenden mit barschen Worten fortgewiesen. Jesus habe ihn stark angesehen und ihm die Worte zugerufen: „Ich will stehen und ruhen, Du aber sollst gehen". Diese Drohung sei in Erfüllung gegangen: alsbald nach der Kreuzigung sei er, ohne überhaupt nach Jerusalem zurückzukehren, in die Welt gezogen und habe Jerusalem erst nach Hunderten von Jahren wieder gesehen. Er lebe still und einge- 5) Das Bibliographische verzeichnet Goedeke, Grundriß 112 S. 569. 570. Der erste Druck des Berichts gehört dem Jahre?602 an. Die älteste mir erreichbare Ausgabe, die ich in einem Exemplar der Verl. k. Bibl. benutzte (N. 3841) hat folgenden sehr ausführlichen Titel: Kurtze beschreibung und Erzehlung von einem Juden, mit Namen ^.nasveru8. Welcher bey der Creutzigung Christi selbst Persönlich gewesen, auch das OruciLZe vber Christum Hab belffen schreyen, vnd vmb Barrabaui bitten, Hab auch nach der Creutzigung Christi nimmer gen Jerusalem können kommen, auch sein Weib vnd Kinder nimmer gesehen; vnd seither im Leben geblieben vnd vor etlich Jahren gen Hamburg kommen, auch Anno 1599 im December zu Dantzig ankommen. Es hat auch Paulus von Eitzen, der H. Schriffr v. und Bischof von Schleßwig, belieben dem Rector der Schulen zu Hamburg mit jhme conferirt von den Orientalischen Landen, nach Cbristi zeit was sich verloffen, hat er solchen guten bericht davon gegeben, daß sie sich nicht gnug darüber verwundern können. Matthei am 16. Warlich ich sage euch, es stehen alhie etliche, die werden den Tod nicht schmecken, bys daß sie deß Menschen Sohn kommen sehen in sein Reich. Gedruckt zu Bautzen bei Wolffgang Suchnach. Anno 1602. 4 Bll. in 4°.