Zeitschrift für hebraeische Bibliographie
- Journal
- Zeitschrift für hebraeische Bibliographie
- Volume
- IV (1900)
- Issue
- 1. (Januar-Februar 1900)
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2254995-7565893-7600088--0629-2255595- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
BRESLAUß, EMIL, Sind originale Synagogenu. Volks-Melodien bei den Juden geschichtlich nachweisbar? Vortrag. Leipzig, Breitkopf & Härtel, 1898. 76 S. 8° — M. 1. [Die kleine Broschüre enthält einen Vortrag, den der jungst verstorbene Chordirigent der Berliner Reformsynagoge im Verein für jüdische Geschichte und Literatur gehalten hat. Der Verfasser kommt zu dem Resultat, ״dass sich kein Merkmal auffinden lasse, durch welches sich die Musik der Synagoge von der der Völker Unterscheidet", dass also die in der Titeltiberschrift gestellte Frage zu verneinen ist. Er führt an der Hand zahlreicher Musikbeispiele den Nachweis, dass alle jene Merkmale, die man gewöhnlich als Merkmale öriginal-jüdiscber Melodien zu betrachten pflegt, wie die übermässige Sekundenfortschreitung, der vorwiegende Mollcharakter, die alten Kirchentonarten, zugleich Charakteristika der Gesangsart anderer Völker und Nationalitäten sind, demnach als Grundlage für die Originalität jüdischer Melodien nicht betrachtet werden können. Die Juden haben keine originale Musik, behauptet B., sie haben ihre Tonweisen stets an die Gesangsart des Landes und des Volkes angelehnt, in dessen Mitte sie lebten; dafür, dass der Ursprung unserer Synagogenmusik bis in die Zeit des Tempelbestandes zurückzuführen sei, hätten wir nicht den geringsten Anhalt. Ich bin der Meinuhg, dass wir B. durchaus beistimmen müssen, wenn er das Vorhandensein charakteristischer Merkmale für originaljüdische Melodien leugnet, auch trifft er das Richtige, wenn er den grossen Einfluss ausserjüdischer Melodien auf die der Synagoge hervorhebt; dieser Einfluss war in der That ein ungeheurer und muss uns gegen die Originalität der grossen Mehrheit unserer ״jüdischen“ Melodien misstrauisch machen. Dagegen trägt B. meiner Ansicht nach der gleichfalls historisch nachweisbaren Thatsache nicht genügend Rechnung, dass zahlreiche Vorbeter, die hohe musikalische Fähigkeiten mit echt jüdischem Empfinden vereinten, Melodien zu synagogalon Gebetstexten selbst geschaffen haben1). Ich halte es für unwesentlich, wenn solche Vorbeter in ihre Melodien Wendungen aufnahmen, die der Musik art des Landes, in dem sie lebten, entsprachen. Damit kamen sie nur dem Verständnis u. der Empfindung ihrer Zuhörer entgegen, und wir müssen, meine ich, solche Melodien, unbeschadet solcher Wendungen, als original-jüdische bezeichnen. Denn sie sind von Juden komponiert und aus jüdäischem Empfinden heraus entsprossen, und diese beiden Momente sind meines Erachtens für den Begriff der Originalität wertvoller als <}as Moment der rein äusseren Merkmale. Was die Zurückfübmng unserer Melodien auf die Zeit des Tempelbestandes betrifft. so ist bisher allerdings Alles, was über diesen Punkt gesagt werden konnte, unbegründete Hypothese gewesen. Nun ist aber in den letzten Jahren der schon früher (von Ehrlich u. A.) angeregte Weg der Vergleichung unserer Melodien mit katholisch-liturgischen Gesangsweisen in den Vordergrund der Forschung getreten. Namentlich Prof. Kirscbner, Oberkantor in München, verfocht — auch Breslaur gegenüber — den Standpunkt, dass uns in Synagogenmelodien Reste altjüdischer, bis in die Tempelzeit zurückreichender Gesangsweisen erhalten seien, die nicht nur durch ihren alterthümlichen, sozusagen —י--־ '~^«!!|jg* *) Vgl. Simon ben Zemach Duran: Magen aboth 55 b, Menachem di Lonsano: Sch’te jadotb 197,