Zeitschrift für hebraeische Bibliographie
- Journal
- Zeitschrift für hebraeische Bibliographie
- Volume
- II (1897)
- Issue
- 6 (November-Dezember 1897)
- Date
- 1897-11-01
- Page
- Seite 169 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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169 uns die poetischen Kunstwerke objective Bilder, da die Besten nie eines gewissen Quantums von Subjectivität entbehren. Hier kann 11ns das echte Volkslied zuhilfe kommen, indem es uns mit naiver Bescheidenheit und Aufrichtigkeit das innere Kühlen und Hoffen des Volkes klär vor Augen führt, in die Geheimnisse der Volkspsyche uns einweiht. Es war das grosse Verdienst Herders, dass er in seinen ״Stimmen der Völker in Liedern“ gezeigt hat, wo das wahre Wesen des inneren Volkslebens und Fiihlens zu suchen sei. Seit uralten Zeiten bis zum heutigen Tage steht auch bei den Juden das Volkslied in immerwährender Blüthe. Sind ja auch die Stufenlieder, ״שיר המעלות, welche während der Wallfahrten (שלש רגלים) vom ganzen Volke gesungen wurden, Denkmäler des alten jüd. Volksliedes. Auch im babylonischen Exil haben die Juden ihr Volks׳ oder Zionslied treu bewahrt, welches selbst den Feind begeistert zu haben scheint (Psalm 137). Trotz des 2000jährigen Umherirrens und Leidens hat sich das jüd. Volkslied, obwohl in ganz anderer Melodie und oft in ganz fremder Sprache, stets als ein שיר ציון erhalten. Die Sehnsucht nach Zion und die Hoffnung auf die Wiederaufrichtang eines jüd. Staates blieb stets das Ideal des jüd. Volkes, das einen Wiederhall in seinem Volksliede fand. Kein jüd. Lied hat so feste Wurzeln geschlagen im Herzen des jüdischen Volkes als dasjenige, dessen Hauptmotiv die Sehnsucht nach Zion war. Ich brauche nur an das unsterbliche ציון הלא תשאלי Jehuda Halevi’s, oder an das populär gewordene לבה דודי von Salomon Alkabez zu erinnern, dessen Hauptmotiv Zion ist. Dasselbe שיר ציון mit denselben Idealen wie vor 2000 Jahren finden wir noch hente im Munde des jüdischen Volkes in Galizien und Bussland, und es ist bedauerlich, dass während den Volksliedern aller Na־ tionen die grösste Aufmerksamkeit geschenkt wird, das jüdische Volkslied bis heute noch einer ernsten Bearbeitung harrt. Ein erfreuliches Zeichen einer Thätigkeit auf diesem Gebiete zeigte sich in dem Erscheinen einer Cantoren-Zeitschrift (ירחון החזנים, Warschau 1895; vergl. meine Becension in Zion, Jahrg. 1896). Allein diese Zeitschrift ging bald ein. Im Jahre 1895 erschienen in Breslau 4 * syrische“ Melodien, die von jüdischen Bauern gesungen werden. Nunmehr erschien das vorliegende Notenheft, enthaltend 8 Volkslieder in jüdisch-deutscher Mundart, herausgegeben nicht etwa von einem Institute zur Pflege: der jüdischen Wissenschaft, sondern vomInstitutum Judaicum! Das Motiv, das sich wie ein rother Faden durch fast alle Lieder zieht, bildet das Leiden Judas und seine Sehnsucht nach Zion. (Als typisch will ich gleich das erste mit ״Gruss an Zion“ überschriebene Lied anführen: ״Dort sammeln die Feiglech jedes sein min I und heben die Flügelech auf zu fliehn | steilen sich alle bei einand | und fliehen aweck in ein ander Land. | Die Vögel die heben die Flügelech auf { und nehmen auch mit meine Thränen arauf i zu netzen die theure Erd von Zion | der Name Israel soll noch eimahl biüh’n.“)— Die Melodien sind zwar mit grosser Sorgfalt harmonisch (manche mit Clavirbegieitung) ausgearbeitet, lassen aber doch in der Aehnlichkeit mit der im Volksmunde lebenden Melodie manches zu wünschen übrig. So z. B. in der Oadenz des ersten Liedes die verminderte ais-cis Terz, wodurch gerade das charakteristische dieses Liedes hervorgehoben wird, in die ais־d Terz verwandelt, welches dem ganzen Liede das Gepräge des Monotonen verleiht. Ebenso beginnt das herrliehe Lied ״Meschiachszeiten“ mit einer dem im Volksmunde — in Galizien wenigstens — lebenden Liede völlig unähnlichen Texteintheilung; das Lied ist im 4/4 Tact geschrieben, während es im muntern 2/4 Tact gesungen wird. Ebenso beginnt der zweite Tact mit einer 1/4 Tact-Triole,