Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Journal
- Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Volume
- 1903
- Issue
- Innerjüdische Polemik und ihre Gehässigkeit.
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 196 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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196 Die „Staatsb.-Ztg.", Nr. 163, vom 9. April 1902, brachte folgende Mitteilung: Wie aus Kowno in Russisch-Polen berichtet wird, hat kürzlich in einer dortigen Synagoge ein Faustkampf zwischen Rabbinern stattgefunden. Der Ueberfallene war der Führer der Zionisten, der Rabbiner Raines aus Lida. Als er der versammelten Gemeinde die Prinzipien des Zionismus darlegte, wurde der in der Synagoge anwesende Rabbiner Selik derart aufgeregt, daß er auf Raines losstürzte, ihn an der Kehle packte und unter Berufung auf ein Talmudwort, welches das Verlassen des Vaterlands verbieten soll, ihn einen Volksverräter nannte. Es entspann sich nun eine regelrechte Prügelei, wobei Selik verletzt wurde. Zum Schluß möchten wir kurz darauf Hinweisen, daß die Juden nicht erst in neuester Zeit angefangen haben, in so gehässiger Weise gegen einander zu polemisieren; sobald sie anfingen, in Deutschland, literarisch thätig zu sein, bekämpften sie einander mit Ingrimm in ihrer uns bekannten Weise. Wie Heine seinen Stammesgenossen Börne beurteilte, ist ja bekannt. Daß dieser auch nicht gerade die freundschaftlichsten Gefühle für jenen hegte, ist nicht zu verwundern. In der „A. Z. d. I.", 1901, Nr. 38, findet sich ein Brief Börnes aus Paris vom 8. Oktober 1831, in dem man liest: „Ja, mit dem Heine ist es merkwürdig, wie ich mich getäuscht habe. Ich werde Ihnen etwas von ihm sagen, was Sie wundern wird. Heine ist ein vollkommener Bachur! Wie er das geworden, oder vielmehr als geborener Jude geblieben, ist mir ganz unerklärlich. Er hat die regelmäßigste Erziehung und einen viel geordneteren Schulunterricht genossen, als ich selbst. Er hat ganz die jüdische Art zu witzeln und opfert einem Witz nicht bloß das Recht und die Wahrheit, sondern auch die eigene Ueberzeugung auf." In demselben Artikel aber wird berichtet, Varnhagen von Ense, der Gemahl der Rahel, habe an Professor Gans in Berlin geschrieben: „Börne ist ein eitler, erzeitler Geck und außer dem Witz und Humor, den er seinem Stamme dankt, ein höchst beschränkter Mensch.Er hat gegen Heine eine kindische Eifersucht und boshaften Neid, recht wie ein Krämer gegen den andern, der in gleichen Waren macht. Er ist . . . der echte Frankfurter Bachur mit allen Fehlern eines solchen, vielleicht auch Tugenden, wenn es deren giebt." Das ist interessant: Die beiden berühmtesten Juden aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die nach Profeffor Graetz, dem Geschichtsschreiber des jüdischen Volkes, als zwei Racheengel mit feurigen Ruten die Querköpfigkeit der Deutschen peitschten und ihre Armseligkeit schonungslos aufdeckten; denen die Deutschen den geläuterten Geschmack, das lebhafte, rücksichtslose Wahrheitsgefühl und den Freiheitsdrang größtenteils verdanken — diese beiden Ueberjuden sind also ein paar Bocher! — Sollte aber jemand nicht genau wissen, was ein Bachur eigentlich ist, so giebt die „A. Z. d. I." a. a. O. folgende, wie wir nicht bezweifeln, authentische Aus kunft: nach den hebräischen Lexicis wird es erklärt: Erstgeborener; ferner Junge, Knabe, Jüngling, Studierender. „Aber jeder Sachverständige weiß, daß mit dem Begriff „Bocher" im jüdischen Leben des vorigen Jahrhunderts ein ganz anderer und besonderer Sinn verknüpft war. Einen linkischen, unbeholfenen Menschen, der die Unarten des Ghetto nicht abgelegt hatte, pflegte man einen Bocher zu nennen."