Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Journal
- Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Volume
- 1901
- Issue
- Die nationalliberale Partei im Wahlkampfe.
- Date
- 1901-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Die rmtionallikrrale Partei im Wahlkampfe. Von E. Kammer in Berlin. Vor uns liegt, ein Wahlaufruf: „Ziele und Bestrebungen der nationalliberalen Partei!". Ihn-haben 55 nationalliberale „Größen" unterschrieben, Großkausleute, Fabrikanten, Rheder, Professoren, Aerzte u. s. w. Vergeblich sucht man nach einem Mann aus dem Mittelstände. Von diesen 55 Unterschriften ragen 30, also mehr als die Hälfte, den Titel „vr." und das Wörtchen „von" vor dem Namen. Zweifellos alles hervorragend humanistisch gebildete Herren, wie sich ja überhaupt die Nationalliberalen die Partei von „Bildung und Besitz" nennen! Doch worin zeigte sich diese „Bildung"? Wie wurde dieser „Besitz" bethätigt? In der brutalsten Vergewaltigung der Gegner und der unerhörtesten Beeinfluffung der Wähler, die das Unglück hatten, von nationalliberalen Arbeitgebern abhängig zu sein! — „Wir kämpfen immer anständig", rief pathetisch der nationalliberale Kandidat vr. Flex*) in Eisenach während des Wahlkampfes aus! Nun, das versteht sich eigentlich von selbst und brauchte nicht erst besonders betont zu werden; doch scheinen die Herren eine ganz besondere Auffassung von dem zu haben, was man Anständigkeit im politischen Kampfe nennt! Anfangs machte man den schüchternen Versuch, sachlich zu kämpfen, aber natürlich gings damit nicht und man verfiel sofort wieder in die bequemere und — nationalliberalere Kampfesweise. So wurde z. B. aus dem Bureau der nationalliberalen Partei eine Menge Flugschriften unter die Wähler verbreitet (natürlich anonym, denn woher sollte jemandem der Mut kommen, für derartig traurige Machwerke seinen halbwegs ehrlichen Namen herzugeben), in denen alte Verleumdungen und längst widerlegte — gelinde gesagt — Unrichtigkeiten aus dem nationalliberalen Handbuch wieder aufgewärmt wurden. Man geht eben von dem Grundsatz aus: Etwas bleibt doch hängen! Da hieß es z. B. wieder: Die Antisemiten hätten bisher noch nichts geleistet! Demgegenüber stellt die „Deutsche Wacht" fest, daß bei fast allen Gelegenheiten, wo die Antisemiten im Interesse desbedrängten Mittelstandes vorzugehen versuchten, stets die Nationalliberalen ihnen in perfidester Weise in die Seite fielen. So brachten am 3. Mai 1895 die Antisemiten im Reichstage eine Interpellation ein, ob die Regierung nicht den Monopolplänen Rockefellers und der Rothschilds, die auf dem Petroleummarkte Beunruhigung erregten, entgegentreten wolle. Der Abgeordnete Zimmermann erhielt zur Begründung das Wort — aus Versehen, und Herr von Bennigsen, der Führer der Nationalliberalen und die Seele des schönen Planes der Mehrheit, dem Interpellanten das Wort abzuschneiden, war ungeschickt genug, dies zu verraten, wie auch die Nationalliberalen eine Besprechung der Interpellation verhinderten. Zweieinhalb Jahre später brachten die Nationalliberalen selbst eine gleiche Interpellation ein, doch da war sie nur ein Schlag ins Wasser, da inzwischen die beiden selbständigen Petroleum- 0 Von diesem Herrn stellen die „Deutschsozialen Blätter" vom 2. Juni 1898 fest, daß er „Judenschwager" sei.