Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Journal
- Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Volume
- 1901
- Issue
- Aus der Kille. Innerjüdisches Gemeindeleben und damit Zusammenhängendes.
- Date
- 1901-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Aus der Kille. Jnnerjüdisches Gemeindeleben und damit Zusammenhängendes. Von Dr. G. Stille. Für den aufmerksamen Beobachter des Judentums ist das Leben innerhalb Her jüdischen Gemeinden von bedeutendem Interesse. Es zeigen sich hier die bekannten Charakter-Eigenschaften des auserwählten Volkes von einer neuen Seite. Im Jahrbuche für 1900 haben wir die miteinander ringenden Parteien nach den Rabbinerblättern kurz geschildert; unsere Leser wissen, daß Orthodoxe und Reformer einander in den Haaren liegen, daß die Zionisten mit Erbitterung die Rabbiner bekämpfen, und daß alle diese Richtungen einmütig in der Verurteilung der Abtrünnigen sind, die sich durch die Taufe von der jüdischen Gemeinschaft lösen. Gottesdienst. Was nun die Angelegenheiten betrifft, die in der letzten Zeit die Parteien der jüdischen Gemeinden beschäftigt haben, so nehmen einige den Gottesdienst angehende Fragen einen hervorragenden Rang ein. Seit einigen Jahren wurde in Berlin von vielen Gemeindemitgliedern verlangt, es solle ein Sonntags- Gottesdienst eingerichtet werden. Eine mit über 5000 Unterschriften bedeckte Eingabe war dieserhalb an die Repräsentanten der jüdischen Gemeinde gerichtet worden. Da -seit den letzten Wahlen die Konservativen (Orthodoxen) die Mehrheit in der Gemeinde- Vertretung hatten, verhielt diese sich jenen Bestrebungen gegenüber ablehnend. Ein Herr Levinstein hatte im Jahre 1898 eine Schrift über den sonntäglichen Predigt-Gottesdienst verfaßt und an alle Gemeinde-Mitglieder gesandt. Gegen ihn polemisiert in höhnisch-absprechender Weise Herr M. A. Klausner in seiner „Israelitischen Wochenschrift", 1898, Nr. 45. Da heißt es: „Herr Levinstein bestreitet, daß der Sonntagsgottesdienst eine absolut „unjüdische und widerjüdische" Einrichtung lei. Daß er das glaubt, nehme ich gern an. Er ist eben zur Kenntnis der Tragweite seiner eigenen Bestrebungen nicht durchgedrungen. Freilich ist der Gottesdienst -an jedem Tage nicht bloß gestattet, sondern vorgeschrieben. Freilich ist gegen einen sonntäglichen religiösen Vortrag nichts einzuwenden; — Männer von strengster Orthodoxie halten allsonntäglich hier in Berlin solche Vorträge im Anschluß an einen Gottesdienst. Was „unjüdisch und widerjüdisch" ist, das ist die Bekleidung des Sonntags mit irgend einer Art religiöser Feier und Weihe neben dem Sabbat. Eben das macht die von Herrn Levinstein angestrebte Neuerung zu einer christianisterenden Einrichtung, die doppelt unwürdig ist, nachdem das Christentum die Sonntagsweihe statt der Sabbatsweihe in der Absicht festgesetzt hat, daß die Christen stch von den Juden unterscheiden sollen." . . . „Herr Levinstein versichert, daß die Ruhe an zwei Wochentagen eine Verletzung des. Gebotes sei: „sechs Tage sollt Ihr arbeiten". Doch wenn Herr Levinfftein schon auf Uebersetzungen angewiesen ist, so dürften ihm doch andere näher Liegen, als gerade die Luthersche, und dort würde er finden: sechs Tage magst Du arbeiten." 3