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Antisemitisches Jahrbuch für ... · 1900-01-01 · Der Bund der Landwirte bei den Wahlen. · p. Seite 183

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Journal
Antisemitisches Jahrbuch für ...
Volume
1900
Issue
Der Bund der Landwirte bei den Wahlen.
Date
1900-01-01
Page
Seite 183 (sequence 34)
Language
German
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183 Geltung zu bringen. Fast überall stehen in den Wahlkreisen die Wahlmacher der alten Parteien an der Spitze der Bundesorganisationen, und sie fühlen sich da so sicher, daß sie sogar, wie wir sehen, ausgesprochene Feinde des Bundes als Bundeskandidaten proklamieren lassen können. Nur noch ein Beispiel, wie dergleichen gemacht wird: Anläßlich des Wahlkampfes im Jahre 1898 ist es zur Sprache gekommen, daß im Wahlkreise Meissen-Großenhain in schroffstem Widerspruch mit den Bundessatzungen die Vertrauensmänner nicht gewählt, sondern lediglich von oben her (durch den Wahlkreisvorstand) ernannt oder kooptiert worden sind. Das Ergebnis war, daß im Besitzstände der Deutsch-sozialen Reformpartei ein Konservativer als Bundeskandidat aufgestellt wurde. Danach ist klar, von wem diese Vertrauens-Männer ernannt worden sind. Sollte der Bundesleitung davon nichts brkannt sein, so wird sie nähere Angaben in der Korrespondenz des Bundesvorsitzenden unter den Eingängen vom 20. oder 21. April 1898 finden. Vielleicht läßt sie ermitteln, welche Schritte gethan worden find, um dem Uebelstande abzuhelfen. Durch dies geschickte Eindrängen skrupelloser Wahlmacher an den entscheidenden Stellen gleicht der Bund einem von Zwergen gefesselten Riesen, der völlig seiner Bewegungsfreiheit beraubt ist und von ihnen in aller Gemütlichkeit ausgesogen wird unter der Form von Wahlsubsidien, wie sie der Bund, nach dem Zeugnisse des Herrn von Plötz selbst in reichlichem Maße für die konservativen Kandidaturen gezahlt hat. Verhängnisvoll kann das allerdings werden, weil mit der Knebelung des Bundes durch die altparteilichen Wahlagenten auch der Stand der deutschen Landwirte politisch lahm gelegt ist, so lange wenigstens, als er im Bunde seine berufene Vertretung sieht. Die Zuspitzung unserer wirtschastspolitischen Verhältnisse und unserer nationalen Notlage aber erheischt eine kräftige Bethätigung der deutschen Landwirtschaft in allerschärfster Opposition: Wir können dieses wichtigen politischen Faktors nicht entbehren. — Daß der Bund in solche Abhängigkeit von den Parteien geriet, wurde leider ermöglicht durch die von den Konservativen in altparteilichem Interesse erfundene Parteilosigkeit des Bundes (s. Jahrbuch 1898, S. 105) und durch sein Bestreben, um jeden Preis recht bald einen möglichst großen Mitgliederstand zu erreichen, eine durchaus falsche Taktik: Der Bund hätte vor allen Dingen dahin streben müssen, überall rücksichtslos solche Männer an die Spitze der Wahlkreisorganisationen zu bringen, die in erster Linie seine Interessen und nicht die der alten Parteien wahrzunehmen entschlossen waren. Ob das Uebel aber jetzt noch beseitigt werden kann, ob es jetzt noch möglich ist durchzusetzen, daß die örtlichen Organe des Bundes wirklich im Bundesinteresse geleitet werden, muß man leider bezweifeln: Der Bund ist Dank seinen reichen Mitteln eine behagliche Versorgungsanstalt für seine Beamten, und man kann es begreifen, daß sie nicht das Bedürfnis fühlen, den jetzigen jo angenehmen Zustand mit dem eines scharfen und rücksichtslosen Kampfes gegen die alten Parteien, der voraussichtlich der Bundeskasse nicht zum Vorteil gereichen würde, einzutauschen. Man wird also wohl so fortwursteln: Große Worte, kleine Erfolge. Indessen es ist an dieser Stelle nicht unsere Sache, hierüber Vermutungen aufzustellen, noch weniger, den Bund ins rechle Geleise zu bringen. Für seine Zukunft muß er selber sorgen, den rechten Weg muß er aus eigener Kraft finden, mag das auch in Anbetracht der verfahrenen Verhältnisse noch so schwierig sein. Findet die Bundesleitung die erforderliche Thatkraft nicht, so wird die deutsche Landwirtschaft sich nach einer unabhängigeren Vertretung Umsehen müssen, und das bald: Es ist Gefahr im Verzüge.

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