Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Journal
- Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Volume
- 1900
- Issue
- Thätigkeit der Deutschsozial-reformerischen Abgeordneten in den Volksvertretungen während der Session 1898 - 99.
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 130 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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130 Die Nachwahl führte bekanntlich zur Stichwahl, in der dann trotz der riesigen Anstrengungen der Sozialdemokraten (auf Veranlassung der Parteileitung hatten eine große Anzahl auswärtiger Sozialdemokraten ihren Wohnsitz in den Wahlkreis verlegt und sich dort auch in die Wählerlisten eintragen lassen; für die Agitation standen allein 1300 streikende Steinarbeiter zur Verfügung!) und trotz .des eifrigen Eintretens der gesamten Judenpresse für Fräßdorf unser Kandidat mit 802 Stimmen Mehrheit glänzend abschuitt. Wahrlich, eine deutliche Antwort der Wähler auf den Spruch des Reichstags, wie die uns sicherlich nicht allzu wohlwollende freikonservative „Post" (Nr. 268 vom 29. September 99) treffend sagte. Schon der erste Mahlgangs am 18. September 1899 aber legte ein sprechendes Zeugnis ab für den Grad gehässiger Ungerechtigkeit in jener Reichstagssitzung vom 9. Juni: In Hohnstein und den erwähnten acht Dörfern verlor die Sozialdemokratie 15 Stimmen, trotzdem sie diesmal in ihrer Agitation ganz unbehindert gewesen war, unsere Partei dagegen behauptete nicht nur ihre Stimmen, sondern gewann noch 3 dazu. führte, daß andernfalls, besonders da ungefähr 9000 Wähler von ibrem Stimmrecht keinen Gebrauch gemacht hätten, sehr wohl unser Kandidat statt des nachher gewählten Freikonservativen in die Stichwahl kommen konnte, da kam der Ausschuß zu dem trefflichen Beschluß, die Sache sei um deswillen „nicht hoch anzuschlagen, weil der Erlaß nicht öffentlich bekannt gemacht, die Parteien daher in ihren Agitationsvorbereitungen gar nicht gehindert"' worden seien! Ob wohl die Agitations Vorbereitungen ebensowenig als „gehindert"" angesehen worden wären, wenn der Protest sich gegen eine antisemitische Wahl gerichtet hätte? i) Die Wahl wurde bald darauf — vielleicht hatten die Sozialdemokraten genug an dem einen Proteste — vom Ausschüsse anstandslos für gültig erklärt. Dadurch ist also anerkannt, daß Herr Fräßdorf diesmal völlig unbeschränkt Gelegenheit gehabt, seine rednerischen Gaben, denen die Reichstagsmehrheit so übernatürliche Wirkung beilegen zu müssen behauptete, zu entfalten.