Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 213 (sequence 243)
- Language
- German
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Gott vor Gericht. Eine chassidische Legende. Von MANIA ROTENSTREICH. IH , j.''v jjlj i 6 Q 1P8 ttT^/] s war in einem der Jahre des Golus der Mutter Schechinah, des Schmachtens Israels im Exil. Ein Jahr der Leiden und Verfolgungen brach über Israel herein. Denn Israel blühte nicht mehr im Grün der guten Werke, sein Traum war nur das Irdische. Schechinah. Und darum litt Israel große Pein. Der rumänische Hospodar verhängte schwere Gesetze über Israel und seinen Glauben. Dadurch geriet es in sehr große Not, weinte und klagte, seufzte und flehte, goß sein bitteres Herz aus vor Gott, und die Schechinah, Israels Begleiterin im Golus, hörte zu, erzählte ihm ihre Pein, denn sie leidet mit Israel. Und die Frommen erhoben ihr Herz zu Gott und namens des gesamten Israel baten sie in Furcht und Liebe, in Liebe und Furcht, auf daß vereint werde der Heilige — gelobt sei sein Name — mit seiner Schechinah, auf daß vereint werde der Name Jah mit Ve in vollkommenster Harmonie. Wenn Jah mit Ve vereinigt ist, ist auch die Schechinah erlöst, kehrt Israel aus dem Golus zurück. In jener Zeit saß im Beth Hamidrasch des Rabbi Elimelech — gesegnet sei sein Andenken — ein gottesfürchtiger Mann namens Reb Feiwel. Er lernte Gottes Thora Tag und Nacht. Doch sein Thoralernen war kein Erklären, kein Umwandeln in etwas Antastbares, Begreifliches, Bestimmtes, Begrenztes, es war ein Erfassen der Thora, ein Versenken in jene Geheimnisse, die einst Gott zur Zeit der Erlösung, wenn er auf dem Throne sitzen wird, seine Engel zur Rechten, Sonne, Mond und Sterne zur Linken, den frommen enträtseln wird. Das Lernen des Reb Feiwel war ein Lernen Seines lieben Namens wegen und der Ewige freute sich in ihm und in der Thora. Und jedes neue Geheimnis, das Reb Feiwel entdeckte, stieg auf zu Ihm, zum Urlicht, und Er schuf daraus neue Himmel und neue Erden und gab sie Reb Feiwel, — wie jedem Thoragelehrten — daß er sie beaufsichtige. In ihm, in Reb Feiwel, ruhte die ewige Trauer, daß ganze Leiden Israels war in ihm. Und der Schmerz über Israels Leiden wuchs gewaltig und mächtig, Reb Feiwels Herz wurde bitterer Qual voll, und die Qual weitete sich in ihm mehr und mehr, daß es ihm schien, sein Herz müßte von ihr gesprengt werden. Um Mitternacht, als Reb Feiwel nicht mehr lernen konnte, stand er auf und ging aus dem Beth Hamidrasch zu Rabbi Elimelech. Er weckte ihn und sagte: „Rabbi, ich will vor Euch ein Gericht mit Gott halten. Die Leiden, welche der rumänische Hospodar über Israel verhängt, sind eine Verletzung der Thora. In der Thora heißt es: wir sind Gottes Knechte und er allein unser Herr. So hat nur Er allein das Recht zu strafen, niemand darf Israel etwas zu leide tun, weil niemand außer Gott unser Herr ist. Sie, Rabbi, oder 213