Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 169 (sequence 193)
- Language
- German
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Des Baßgeigers „Sch'ma Isroel". Von J. L. PEREZ. Aus dem Jüdischen übertrafen von SIEGFRIED SCHMITZ. I. n Tomaschow, einem kleinen jüdischen Städtchen in Polen, erschien einst an einem schönen klaren Sommertage ein fremder junger Mann. Keiner wußte, woher er kam, wo er wohne, wo er sich tagsüber oder bei Nacht aufhalte. Nur von Zeit zu Zeit tauchte er im Städtchen auf und bat den oder jenen um etwas Speise. Daß er also reich war, kann man bestimmt leugnen. Keiner weigerte ihm das bißchen Essen, um das er bat; denn die Leute in Tomaschow hielten es mit dem alten Spruch: „Eine offene Hand schließ mit einer Gabe," und so gaben sie ihm denn, was sie konnten. Aber der junge Mensch nahm weder Fleisch noch Gemüse, noch sonst eine andere Speise, sondern nur Brot, trockenes Brot. Man fragte nicht viel. Da er nur Brot nimmt, kriegt er eben Brot, um satt zu werden. Denn essen muß jedes Menschenkind, das ist doch klar. Sonst kümmerte man sich wenig um den sonderbaren Kostgänger. Wer sich aber den jungen Mann näher ansah, der merkte gleich, daß an dem Menschen etwas ganz Besonderes sei. Seine Augen blickten, als sehen sie in weite, weite Fernen; doch was im Umkreis.seines eigenen Ich vorging, das schienen seine Augen nicht zu merken. Und noch eine Eigentümlichkeit besaß das Außere dieses jungen Menschen. Er bewegt nämlich stets die Ohren; es ist, als wollte er alle Töne in der Luft im Fluge erhaschen, auch wenn es ganz still ist, wie vor dem Schoferblasen. Weil er nun — so scheint -e? — so weit sieht und so scharf hört, ist er stets versonnen. Spricht ihn jemand an, so fährt er zitternd zusammen, als hätte man ihn aus einer andern Welt gerissen. Wenn er dann antwortet, so geschieht es meist nur mit „Ja" oder „Nein"; redet er aber schon einmal ein paar Worte, da verfängt er sich in seiner eigenen Rede, wie in einem Netz; Schweiß tritt ihm auf die Stirne, aber er kann aus dem Wortgeflecht nicht hinaus . . . Manchmal schickt ihn jemand mit einem Auftrage oder einer Botschaft zu einen Bekannten in der Umgebung. Da bleibt der sonderbare Mensch einige Tage unsichtbar. Wenn er zurückkehrt, hat er nichts ausgerichtet; nicht etwa, daß er zu faul gewesen wäre; er ist nur verträumt. Den, zu dem man ihn geschickt hat, den hat er erst am letzten Tage getroffen. „Was hast du denn bis heute getrieben, der Weg ist doch nicht so lang?" Er hat auf dem Wege ein Mäuslein getroffen, das hat so jämmerlich gepiepst; sicher hat es den Weg zum Löchlein verfehlt. Dem hat er zugehört. Dann hat ihn ein Vogel mit seinem Gesang gelockt, dem ist er gefolgt. Und so hat er sein Ziel erst jetzt erreicht und seine Botschaft ausgerichtet. Und da sagte man ihm — das hat er allerdings vergessen 12 169