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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 132

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 132 (sequence 148)
Language
German
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gezeigt hatte, war überzeugt, daß das Werk eine schöne Leistung moderner Buchkunst sein werde; aber nun bin ich doch überrascht; es ist ein so überquellender Reichtum künstlerischer Erfindung in der Ausstattung dieses Werkes, daß die früheren Arbeiten des Künstlers dahinter zurücktreten müssen. Vielleicht sind die Entwürfe zu den Vorsatzpapieren seiner anderen Bücher schöner — das Buch als Ganzes ist von außerordentlicher Wirkung. Das gelb getönte Papier mit den starken, klaren Drucktypen, die verschiedenen Arten künstlerischer Initialen, die Anordnung des Satzspiegels, die Verteilung der Ornamente und Vollbilder, der schlichte vornehme Einband, alles das ist mit ungewöhnlichem Geschmack gewählt und gestaltet. Am meisten hat mich interessiert, wie Lilien die Sujets für seine Bilder aussuchen werde. Da habe ich nun den Eindruck, als ob er mit ganz bestimmtem Willen und mit sehr viel Glück allen jenen Szenen ausweiche, die uns die kirchliche Kunst so oft schon dargestellt hat. Zumindest erwählt Lilien einen weniger traditionellen Moment der Handlung. Da ist zum Beispiel Isaaks Opferung. Ich glaube, es gibt niemand, dem nicht wenigstens eine künstlerische Darstellung dieser Geschichte in Erinnerung wäre, ein Bild von einem großen Meister oder ein — „Kitsch". Es wird darin wohl jener Augenblick festgehalten sein, da Abraham, bereit, die Opferung zu vollziehen, von einem herbei-- schwebenden Engel an der Ausführung des Auftrags gehindert wird, der nur seine Treue erproben sollte. Auch Lilien hat die Geschichte von Abraham und Isaak als Vorwurf für ein Bild genommen. Aber er zeigt uns den greisen Vater mit dem jugendlichen Sohn unterwegs, auf der Wanderung zur Opferstätte. Isaak trägt das Holz für den Opferbrand, und Abraham hat sich, vielleicht im überströmenden Gefühl trauernder Liebe und in Ehrfurcht vor dem Knaben, der erkoren ist, Gott ein Opfer zu sein, niedergebeugt, dem Kinde die Hand zu küssen ... Es ist ein rührendes Bild von tieferer, menschlich ergreifenderer Wirkung als jene oft gemalte Opferszene. Und dann sind in dieser Zeichnung alle Qualitäten der Kunst Liliens, seine wundervolle Delikatesse der Zeichnung, die Sicherheit anatomischer Kenntnisse, Anmut der Linien, Rhythmik und Harmonie. Öfter als früher scheint mir Lilien in dem neuen Werk landschaftliche Szenen zu schildern; und ich habe auch den Eindruck, als bemühe er sich in stärkerem Maße, in der einfachen Schwarz-weiß-Zeichnung koloristische Effekte zu erzielen. Zwar verzichtet er auch in den neuen Arbeiten auf jede Schattierung, aber er erreicht durch breite Flächen, durch weiter und enger aneinander gestellte Linien, die nirgends schattierenden, sondern immer struktiven Charakters sind, oft überraschend farbige Eindrücke. Da sind die Bilder: Sabbat, Kain, Abel (mit der prachtvoll beobachteten weidenden Schafherde), Mose zerbricht die Tafeln, und nicht zum mindesten die Palmen auf Seite 537. Die Palästinareise, die Lilien kurz vor Beginn seiner Arbeit gemacht hat, scheint da stark mitgewirkt zu haben. Wieviel Fleiß und gelehrtes Studium in manchen Blättern steckt — das zu beurteilen, ist Sache der Archäologen. Spüren muß beides, glaub* ich, auch der Laie. Aber, Gott sei Dank, er braucht nicht darüber nachzudenken und kann sich freuen, daß es wieder einmal eine Bibelausgabe gibt, die auch in dem modernsten Haus einen Ehrenplatz beanspruchen darf. 132

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