Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 131 (sequence 147)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/1112869-9311769--480-1113019- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
E. M. Liliens Bibelausgabe. Von Dr. VICTOR FLEISCHER. ls ich die neue Bibelausgabe, die E. M. Lilien gedruckt hat, durchblätterte, da war meine erste Empfindung Freude, meine zweite Respekt: Respekt vor dieser Leistung, Respekt vor dem außerordentlichen Fleiß des Künstlers, Respekt vor dem mächtigen Aufschwung, der diese neuen Arbeiten noch hoch über alles stellt, was Lilien bisher geschaffen hat. Eine starke, selbstbewußte Persönlichkeit hat sich da eine Aufgabe gesucht, ihre Kraft zu erproben. Das Unternehmen ist nicht gering: seit nahezu zwei Jahrtausenden beschäftigen die Erzählungen der Bibel die Phantasie der bildenden Künstler. Hunderte und Tausende haben sich daran versucht, im Norden und im Süden, im Osten und im Westen, in den großen Zentren der Kultur und in weltentlegenen Gebirgsdörfern, die größten Meister und die armseligsten Dilettanten, Genies, deren Schaffen für die Entwicklung ihrer Kunst entscheidend war, und brave Handwerker, die nach übernommenen Schemen ihre anspruchslosen Arbeiten fertigten; in zehntausenden Gemälden, Stichen, Holzschnitten und Skulpturen sind diese Szenen aus der biblischen Geschichte dargestellt worden. Und jeder, der sich mit bildender Kunst beschäftigt hat, trägt in seiner Erinnerung eine Reihe von Kompositionen der markantesten Momente aus den beiden Testamenten, Kompositionen, die durch die eindringliche, überzeugende Art ihrer Darstellung zu Traditionen geworden sind, wie sehr auch künstlerische Individualität und die Probleme, die gerade das Schaffen bestimmten, die einzelnen Werke voneinander unterscheiden. Daß einige Szenen im Buch der Bücher immer von neuem Künstler zur Darstellung reizen, ja selbst, daß immer wieder biblische Bilderzyklen entstehen, scheint mir selbstverständlich. Aber die Idee, die ganze Bibel mit Bildern schmücken zu wollen, kann, glaube ich, heute nur noch einem leichtfertigen Dilettanten kommen, der keine Ahnung hat von den Aufgaben, die er sich stellt, — oder aber einem Künstler, der so „innerlich voller Figur" ist, daß ihm kein Unternehmen groß genug scheint, den Reichtum seiner künstlerischen Erfindung zu tragen. In einem früheren Aufsatz über E. M. Lilien habe ich gezeigt, wie dieser Künstler in strenger Selbstzucht und in sicherer Abschätzung seiner Kräfte sein außerordentliches Talent zur Reife brachte, wie in seinen Arbeiten künstlerischer Instinkt und ruhig] überlegende Intelligenz sich offenbaren; habe zu erklären versucht, daß Lilien kein „Illustrator" sei, sondern ein „Buchkünstler", das heißt: einer, der nicht willkürlich ein paar Zeichnungen und Zierleisten zu einem Buch entwirft und dem Drucker die Aufgabe überläßt, Text und Buchschmuck irgendwie zusammenzustellen, sondern das Buch als einheitliches Werk gestalten will. Ich wußte schon damals, daß Lilien mit den Vorarbeiten zu einer neuen Bibelausgabe beschäftigt sei. Ich erwartete viel nach den ersten Proben, die er mir 131