Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 46 (sequence 52)
- Language
- German
- Belongs to
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den Brüdern geteilt war, legte sich jeder bei seinem Kornhaufen zum Schlafen nieder, um ihn zu behüten, so wie man noch heute zu tun pflegt. Im Laufe der Nacht lag der verheiratete Bruder eine Weile wach, dachte über seine Ernte nach und sprach zu sich selbst: „Ich bin nun reich; ich habe eine Frau und Kinder und einen Überfluß an Getreide. Mein armer Bruder ist einsam, warum soll ich so viel glücklicher sein als er? Wenigstens will ich ihm einen Teil meiner Ernte geben," und so schleppte er einen Teil seines Getreides hinüber zu dem Kornhaufen seines schlafenden Bruders. — Bald darauf erwachte dieser, und überlegte, wie viel mehr er besaß, als er allein nötig hatte. Wollte er seinem Bruder etwas zum Geschenk anbieten, so würde der es vielleicht nicht annehmen, und so stand er auf und trug einen Teil seines Getreides hinüber zu dem Kornhaufen des inzwischen eingeschlafenen verheirateten Bruders. — Am Morgen wunderte sich jeder von beiden, wie es kam, daß er ebensoviel hatte wie zuvor, und keiner von beiden konnte sich erklären, wie es zugegangen sei, und keiner von beiden sprach über die Vorgänge dieser Nacht. Aber Gott hatte die Tat gesehen und beschloß, diesen Platz zum Heiligtum zu machen für die ganze Welt. Von Omar, dem Kalifen, geht eine wunderbare Erzählung, die von christlicher Seite überliefert wurde, und die wir in diesem Falle nicht zu bezweifeln brauchen. — Eutychius, der Patriarch von Alexandria, berichtet: „Omar saß mit Sophronius im Innersten der Grabeskirche, da kam die Zeit des Gebets, und Omar wünschte zu beten. „Bete hier," sagte Sophronius. „Nicht hier," antwortete Omar, Sophronius führte ihn in die Basilika und breitete dort einen Teppich für Omar aus zum Beten. Und als er wieder ablehnte, hier sein Gebet zu verrichten, führte ihn der Patriarch hinaus zu der Treppe am Eingang der Kirche Konstantins. Hier betete Omar allein. Dann fragte er: „Weißt du, weshalb ich nicht innerhalb der Kirche habe beten wollen?" und Sophronius antwortete: „Wie könnte ich 6s wissen?" Omar aber sagte: „Hätte ich in der Kirche gebetet, so wäre sie für euch verloren gewesen. Nach meinem Tode hätten die Gläubigen sie euch genommen, denn sie würden bald gesagt haben: Hier betete Omar!" Vergleicht man damit das unsagbare Treiben von Christensekten untereinander um den Besitz derselben heiligen Stätten — denkt man an alle Greuel, die — namens der Religion der Liebe — verübt wurden und noch verübt werden, gegen Christen anderer Meinung, gegen Moslems, gegen sogenannte „Heiden" und nicht zum mindesten gegen Juden, so läßt sich die Folgerung nicht von der Hand weisen: das Christentum hat den Vorrat der Menschheit an Liebe und Edelmut nicht vermehrt, und höchster Äußerungen der Menschlichkeit sind Moslems, Juden und „Heiden" mindestens ebenso fähig. 46