Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 43 (sequence 49)
- Language
- German
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Großväter und Enkel. Aphorismen von LEON KELLNER. I. „Wir" und „Ich". Der Großvater fühlte sich als Teilchen eines Volks. Sein Wünschen und Hoffen, wie es im Gebete zum Ausdruck kam, gingvon „Wir" aus, hatte „Wir" zum Ziel. Niemals betete er als „Ich". Der Enkel hat mit dem Gebete sein Volkstum verloren; dafür ist ihm sein Ich zum Bewußtsein gekommen. II. Feiertage* « Der Großvater strahlte im Abglanz eines ganzen Volkes und seiner glorreichen Vergangenheit, wenn die Feiertage kamen — Passah, Pfingsten, Laubhütten. Der Enkel schwelgt an seinem Geburtstage, dem Verdränger der alten Volksfeste, im beseligenden Kultus seines Ich. HL Kasteiung* Der Großvater kasteite sich mehrmals im Jahr zur Buße für Sünden, die er etwa beging. Der Enkel jammert, er kasteie sich, wenn er keine Sünden begeht. IV. Auf der Flucht* Die Großväter traf es sehr hart, wenn sie einmal um ihres Volkstums willen zum Wanderstab greifen mußten. Die unglücklicheren Enkel sind ihr ganzes Leben lang vor ihrem Volkstum auf der freiwilligen Flucht. 4* 43