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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 32

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 32 (sequence 36)
Language
German
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erweist sich in den tatsächlichen Ergebnissen als weit hinter den Errungenschaften der Nichtjuden zurückstehend. Wodurch wird nun aber diese innere Unzulänglichkeit des jüdischen Volkes, dieses sein Nichtkönnen, diese seine eigentliche, wahre Volksschuld, tragisch? Wo ist das strahlende Licht, das durch den schwarzen Schatten verdüstert wird? Wo ist die Größe, deren Fall ein Schmerz ist für alle, die mitfallen oder auch nur den Fall mitansehen? Unser erster Gedanke gilt dem Willen, dem mächtigen jüdischen Willen. Das, was Chamberlain über ihn sagt, darf uns nicht irre machen. Gewiß, er kann zur Gefahr werden, aber er wird es, wie wir sahen, nur dort, wo er von schwanker Grundlage mit verfehltem Inhalte zu „unmöglichen" Zielen sich erhebt. Aber es kann kein Zweifel sein, daß er unter anderen Voraussetzungen ein Aktivposten ersten Ranges sein kann. Und vor allem, an sich, als Kraft ist er nichts anderes, als die in's Bewußtsein übersetzte gewaltige Lebenskraft des jüdischen Volkes, — dieses Wunder der Wunder, vor dem wir uns alle beugen sollen in ehrfürchtigem Erschauern. Und nun, ein solches Volk, mit solch unbändiger Dauerkraft, ein Lebensriese — und doch unfähig, in sein starkes Leben System zu bringen, und deshalb immer und immer wieder von Grauen vor sich selbst heimgesucht, von Assimilationsfiebern geschüttelt, in seiner Würde schlaff, im täglichen Leben mit allerlei peinlichstem Kleinkram der Seele belastet!... Kann es größere, schmerzlichere Tragik geben? Dann wieder diese „Unmöglichkeit" selbst! Es wäre ja grundfalsch, sie einfach auf das Schuldkonto zu buchen. Wir haben ja gehört, daß sie an sich gar keine Unmöglichkeiten sind, vielmehr es erst dadurch werden, daß man mit ihnen eine Leere ausfüllen will, die sie nicht ausfüllen können. Die exzessive Rolle, die sie deshalb spielen müssen, weil der jüdischen Seele die Fähigkeit abgeht, das Leben selbst zu sichten und zu organisieren, kann weder ihre geistige und sittliche Bedeutung noch das Verdienst des jüdischen Volkes selbst schmälern. Dessen eigenster, der größte Schade, zählt doch in diesem Belange nicht mit. Und der Schade, der etwa sonst noch angerichtet wird — die billige Phrase vom Zerstören ist eine alberne Übertreibung — verschwindet gegenüber dem unermeßlichen Nutzen, den diese unerbittlichen Forderungen der Menschheit bringen. Nein, das jüdische Volk braucht sich seiner Ideenneigungen nicht zu schämen. Trotz seiner Verfehlungen, Sprünge und Voreiligkeiten, trotz des rasenden Galopps seines Willens, leistet es weltgeschichtliche Arbeit. Eine Art Menschheitsgewissens für soziale und ethische Architektur, sorgt es dafür, daß alle die vielfachen Völker- und Gruppenstile sich zuletzt doch wieder zu dem einen einzigen Menschheitsstil harmonisch vereinigen. Und wieder all diesem unvergänglichen Ruhm gegenüber der Jammer innerer und äußerer Ohnmacht, der Fluch engen, allzuengen Alltags! Wieder offenbaren sich Ewigkeit und Krämerdasein als die beiden Seiten der jüdischen Tragik. Ob es da eine Flucht gibt? Wodurch die Schuld zu bannen wäre? Das sind Fragen, deren Beantwortung im Grunde weit über das Thema, das hier zur Behandlung steht, hinausführt. Nicht nur auf Zukunfts-, sondern auch auf Vergangenheitsspuren. Wir müßten 32

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