Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 26 (sequence 30)
- Language
- German
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innere Tendenz des Politikers dagegen — er mochte nun Journalist, Feldherr, Monarch, Diplomat sein — ging dahin, immer nur Massen Schicksale zu sehen. Als man ihn nicht gleich verstand, war er in der Lage, mit einem Beispiel aufzuwarten. „Denken Sie sich," begann er, „es handelte sich in einem bestimmten Fall darum, zwanzigtausend Mann zu einer kriegerischen Unternehmung an die Grenze zu schicken, oder nach Afrika... so werden diese Zwanzigtausend dem Politiker nichts anderes bedeuten, als eine sozusagen undifferenzierte Einheit. Daß ihm die Fähigkeit fehlt, dieses Massenschicksal in Einzelschicksale aufzulösen, oder daß er die Fähigkeit besitzt, von diesen Einzelschicksalen abzusehen, gibt ihm erst die Kraft und die Möglichkeit, die Verfügungen zu treffen, die er für das Wohl des Staates — oder für seine Carriere notwendig findet. Wenn ihm plötzlich, sagen wir durch eine sonderbare Krankheit, ein Zwang erstünde, sein Material so zu sehen, wie es irgend ein anderer, ein naiver Mensch und wie insbesondere der Dichter es zu sehen pflegt — wenn ihm also diese Masse plötzlich in einzelne Menschen auseinanderfiele, so müßte er einfach im selben Augenblick zusammenbrechen und aufhören, Politiker zu sein. Und ein Dichter, dem es plötzlich passierte, diese zwanzigtausend Einzelschicksale sich zur Einheit zusammenschließen zu sehen . . ." „Was der tut, wissen wir ja," unterbrach ihn Nürnberger, „der schreibt einen historischen Roman oder patriotische Gesänge ..." SB NPi>f 59 Ena 26