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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 14

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 14 (sequence 16)
Language
German
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Aber wenn man das Kleine als Anfang empfindet, ist es mehr als die reichste Fülle, die ihr Ende in sich selber hätte. Die Tatsache, die ich meine, ist das Wiedererscheinen des Schöpferischen im Judentum. Und was das Seltsamste ist: es ist in einer Form erschienen, die dem Judentum der Diaspora gänzlich versagt war, die das antike Judentum nur in sehr wenigen Außerungsarten besaß — in der Form des künstlerischen Gestaltens. Dem Umfang und mit wenigen Ausnahmen auch dem Grade nach ist es in Wahrheit nur ein Anfang zu nennen. Die erzählende und lyrische Dichtung, die im Osten zugleich in der hebräischen Sprache und im Volksidiom aufgeblüht ist, hat freilich einige selbständige und bedeutende Erscheinungen hervorgebracht, und zu ihnen gesellen sich etliche starke künstlerische Persönlichkeiten im Westen; das reicht jedoch nicht hin, um wieder von einem schöpferischen Judentum zu sprechen. Wohl aber sind diese Fragmente, diese Anläufe, diese Potenzen, diese Werke ein eigentümliches Phänomen, wenn man sie im historischen Zusammenhang betrachtet. Sie sind seit dem Chassidismus die ersten sichtbaren Zeugnisse, daß die Kraft, die so lange unter der Erde glühte, nicht erstorben ist. Und sie sind seit der jüdischen Antike die ersten Zeugnisse für die künstlerische Fruchtbarkeit der gewonnenen Einheit. Das Kunstwerk stellt die geschlossene, mit Notwendigkeit gefüllte Einheit dar, die die Natur versagt. Darum kann es nur aus einheitlicher Seele entstehen, aus einer Seele, die in ihrer unerschütterlichen Einheit alle Leidenschaften, alle Antriebe, alle Träume umfängt. Die Anfänge jüdischen Künstlertums haben gezeigt, wie stark und wie fruchtbar das Streben nach Einheit im Juden werden kann. Und noch auf eines ist hinzuweisen. In der jüdischen Antike hat sich das Schöpferische in seinen höchsten Momenten am Kampf gegen die Gemeinschaft bewährt. Aber dieser Kampf war gegen etwas geführt, dem man sich doch eigen fühlte und das man bekriegte, um es zu reinigen. Im Golus ruhte das Schöpferische zumeist auf einer Freimachung, ja oft auf einer Loslösung von der Gemeinschaft, die ihm keinen Raum gab; ich brauche nicht hervorzuheben, wie viele in der Gegenwart diesen Weg gehen. Sie wissen nicht, wie gefährlich er ist: wie leicht sie sich dabei auch von den Wurzeln ihres Schaffens, von den tiefer nährenden Schichten der eigenen Seele ablösen. Das ist das Neue an der jüdischen Dichtung des Ostens: daß hier der schöpferische Jude im Einklang mit der Gemeinschaft steht. Er erlebt ihr Schicksal und gestaltet es. Aber auch mancher schöpferische Jude des Westens bleibt, wenn er sich auch in der Bewußtheit abgeschieden zu haben glaubt, im unbewußten, wirkenden Grunde Jude und schafft, ohne es zu wissen, immer wieder Symbole des großen jüdischen Urprozesses, auf dem seine Seele ruht: der Erlösung zur Einheit. — In dem Drama „Die goldene Kette" des jüdischen Dichters Perez kommt eine Szene vor, in der all das, was ich hier vom Wesen des Juden und vom Sinn des Judentums angedeutet habe, in eigentümlicher Weise zum Ausdruck kommt. Es ist Sabbatausgang, Sabbatausgang in einer kleinen chassidischen Gemeinde. Nach der Auffassung der Chassidim versöhnt sich die Welt am Sabbat zur Einheit. Alle 14

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