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Illustrirter jüdischer Familienkalender · 1907-01-01 · 5668 = 1907/08 · p. Seite 133

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Illustrirter jüdischer Familienkalender
Volume
5668 = 1907/08
Date
1907-01-01
Page
Seite 133 (sequence 142)
Language
German
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TI f&m südische Friebbofskunft von ITT. Rapsilber Wie kommt es nur, daß die streng gemessene Feierlichkeit, die starre Größe und der düsterpoetische Nimbus, welcher seit jeher die alten jüdischen Friedhöfe umfing, auf den neueren Begräbnisplätzen fast in das Gegenteil verkehrt ist? Ehemals eine Stätte der Andacht, ist der jüdische Friedhof neuerdings zu einem Tummelplatz irdischer Eitelkeiten entartet. So klagen die Altgläubigen, welche die heiligen Ueberlieferungen des Tales Josaphat für alle Zeiten gewahrt wissen wollen. Die Geschichtskundigen des neuen Geschlechts werfen dagegen ein, daß die Gräberstadt am Oelberg zu Jerusalem in alter Zeit keineswegs bloß mit den grauen und bescheidenen Grabtafeln bevölkert gewesen sei und daß es keineswegs gegen den Geist der großen Vorzeit verstoße, wenn des Menschen letzte und schönste Ruhestatt auf Erden durch einen monumentalen Prunk gekennzeichnet werde. Das ist wohl wahr, aber dennoch sprechen die neuen Nekropolen, in denen Millionenwerte in Marmor und Granit angehäuft sind, nicht mehr die religiöse Stimmung an. In der zweiten Hälfte des grundstürzenden neunzehnten Jahrhunderts hat man mit tausendjährigen Bräuchen und mit den Ueberlieferungen alteingewurzelten Gemütslebens gebrochen, und nun flutete die neue Zeit mit einem solchen Ungestüm über das Altland, daß der ganze Kulturhumus jüdischen Volkslebens hinweggeschwemmt und das Chaos wieder hereingebrochen schien. So kam es, daß die Friedhöfe ihre altehrwürdige Weihe verloren, ohne daß eine neue strenge Kunst an ihre Stelle trat. Die Grabsteine der Vorzeit mit ihrem bescheidenen Schmuck waren alles in allem von feinfühliger Hand geformt, die man trx den neuen Grabmonumenten fast überall vermißt. So wird denn behauptet, daß es heute keine eigenartige jüdische Friedhofskunst gebe und umsomehr regt sich das Verlangen, eine solche wieder ins Leben zu rufen, und zwar eine ganz neuartige Kunst des Totenkultus, in welcher sich die veränderten Zeitanschauungen wiederspiegeln. Solche Aufgabe ist schwieriger zu lösen, als sich der Laie wohl vorstellt. Denn da es seit der Zerstörung Jerusalems niemals einen ausgesprochen jüdischen Stil gegeben hat, so ist nicht an alte Ueberlieferungen anzuknüpfen, es handelt sich also um eine völlige Neuschöpfung. Selbst die alten und neuen Synagogen haben keinen Eigenstil gezeitigt, auch diese Bauten lehnen sich an den jeweiligen Zeitgeschmack an, nur daß eben gewisse Einrichtungen und Vorschriften des Gottesdienstes zur Ausbildung einiger Geräte und Symbole geführt haben. Damit sollte man sich aber nicht begnügen. Nach Beseitigung des örtlichen und geistigen Ghettos ist eine scharfe Betonung jüdischer Eigenart auf der ganzen Linie des Lebens gewiß nicht angängig, notwendig aber auf dem Gebiet der Synagoge und des Grabdenkmals, welche beide die Hauptkennzeichen eines religiösen Sonderdaseins bilden. Hier ist auf die Dauer ein ausgeprägter jüdischer Stil insofern erforderlich, weil sonst in dem allgemeinen Daseinskampf, von welchem die Religionen selbstverständlich nicht ausgeschlossen sind, der 133

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