Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Journal
- Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Volume
- 5668 = 1907/08
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 131 (sequence 140)
- Language
- German
- Belongs to
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volle Reich des Todes. Fast könnte man sagen, dieses Gebet sei der Hüter und Wächter des Volkes, von dem allein es gebetet wird, in ihm liegt die Bürgschaft seiner eigenen Fortdauer. Kann ein Volk untergehen und in daS Nichts zerstäuben so — lange ein Kind seiner Eltern gedenkt? Welche Stürme, Fäulnis und Verderbnis mäßen vorangegangen sein, welche Mächte müßten an dem Baue eines Volkes genagt und gerüttelt haben, der aus dem Felsengrunde der „Familie" ruht? Es mag seltsam klingen. Mitten aus dem Taumel der wüstesten Zerstreuung hat dieses Gebet der Erinnerung manches verwilderte Gemüt aufgeschreckt, daß es sich besann und wenigstens für kurze Zeit im Andenken an die toten Eltern sich gleichsam heiligte. Solch ein Gemüt überkommt es dann mit Schauern, wenn es die Wege überschaut, die es bisher gegangen, und sie mit denen vergleicht, die es gegangen wäre, wenn das Auge von Vater und Mutter noch über ihm leuchtete! Eben weil dieses Gebet eine Wiedergeburt des am Menschen Vergänglichen im Geiste ist, weil es ein bloßes Sterben nicht zugibt, weil es die Blüte, die vom Baume der Menschheit welk abgefallen ist, im Gemüte wieder auferstehen und sich entfalten läßt, — darum ist es von solch heiligender Gewalt! Zu wissen: du stirbst, du trittst aus dieser ewig ruhelosen, hinfälligen Hülle in ein geheimnisvolles Jenseits, aber die Erdscholle, die über deinem Haupte rauscht und fällt, deckt dich nicht ganz; es bleiben solche zurück, die wissen, daß du gestorben bist, die, wo sie immer auf dem weiten Erdenrunde, ob im Gewände der Armut oder im schimmernden Prunke des Reichtums sich befinden, dieses Gebet dir nachsenden; — zu wissen: du nennst keinen grünen Fleck in diesem Lande dein, du läßt ihnen kein Haus, keinen Hof und Acker zurück, daß sie dein gedenken müßten: dennoch bewahren sie dein Andenken als ihr teuerstes Erbe .... unbedeutend, verachtet, eine Schaumblase, die du im Leben warst, erheben sie dich, wenn du längst nicht mehr bist, zur Bedeutendheit .... sie raffen dich aus dem Staube der Vergänglichkeit auf-— —-