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Illustrirter jüdischer Familienkalender · 1907-01-01 · 5668 = 1907/08 · p. Seite 101

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Illustrirter jüdischer Familienkalender
Volume
5668 = 1907/08
Date
1907-01-01
Page
Seite 101 (sequence 110)
Language
German
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IRI
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größtes Wunder in der wunderreichen Geschichte unserer Gemeinschaft — noch einen Abglanz des Lichtes zeigten, das am Sinai auf ihre und unsere Väter gefallen war. Es dauerte geraume Zeit, ehe der grauenhafte Eindruck überwunden war und aus ihm der tatkräftige Wille sich emporrang, den Brüdern im Osten Hilfe zu bringen, dauernde Hilfe gegenüber dauernder Bedrängnis, ihnen die Bruderhand zu reichen, damit sie, festen Fuß fassend, frei werden könnten von den Schlacken, mit denen andere sie behaftet hatten, damit sie sich wieder aufrecht erheben dürften, mutig und tapfer, wie es den Söhnen der Makkabäer, in geistiger Regsamkeit, wie es den Nachfahren Jesajas zukommt, nn nt D^nv bs — ganz Israel bürgt für einander — war der Wahlspruch, unter dem im Jahre 1860 die AJU entstand. Das Prophetenwort „ich gedenke dir die Holdseligkeit deiner Jugend, die Liebe deines Brautstands, daß du mir nachzogst in die Wüste, in unbebautes Land" — fand erhebende Umkehrung. Die Begründer der AJU waren es, die sich zur Aufgabe stellten, den Brüdern nachzuziehen in die Wüste, in unbebautes Land. Und der Wille wurde zur Tat. Der Grundsatz wurde aufgestellt: Wo ein Jude leidet, w e il er Jude ist, wo ihm Unrecht geschieht, weil er Jude ist, da tritt die Gemeinbürgschaft in Geltung, die den Wahlspruch der AJU bildet, da stellt ganzJsrael,d. i. die AJU, die gesammelten Kräfte in seinen Dienst. Nicht darum konnte es sich handeln, das Elend zu fristen und dadurch zu verewigen; sondern es galt, lebendige Kraft den Brüdern mitzuteilen, auf daß sie selbst das Elend bekämpfen und niederzwingen konnten. — Das Volk der Schrift, das Volk des Buches hat man uns Juden genannt. Die Begründer der AJU nahmen diesen Ehrentitel an und brachten ihn neu zu Ehren. Sie waren durch ihre Freunde reich genug, mittels prunkender Spenden sich den augenblicklichen Ruhm von Wohltätern zu gewinnen. Sie waren selbstloser und wollten mehr, viel mehr. Sie verzichteten auf Dank und geräuschvolle Anerkennung, die der schnellen Gabe schnell gefolgt wäre. In mühevoller, anhaltender, stiller Arbeit wollten sie dauernde Hilfe den kommenden Geschlechtern bringen, unbekümmert um die Anfeindungen, die sie zuweilen sogar von Seiten derer selbst erfuhren, denen ihr rastloses Mühen gewidmet war. Wenn die Waldpfleger von sich sagen: „wir ernten, was wir nicht gesäet haben, und wir säen, was wir nicht ernten werden" — so hätten die Begründer der AJU sich des stolzeren Teiles dieses Spruches rühmen dürfen: „wir säen, was wir nicht ernten werden". Uns, den Nachfahren jener Begründer, ist gleicher Ruhm versagt; denn wir ernten schon, was vor unserer Zeit gesät worden ist, wir pflücken schon die Früchte, die den Ertrag der verschwiegenen und unscheinbaren Arbeit eines Menschenlebens bilden. Freilich nicht für uns, aber für unsere Brüder. Rur den Teil der Selbstlosigkeit zu bewähren ist uns beschieden, der darin besteht, daß wir die begonnene Arbeit fortsetzen und erweitern, daß auch wir hinausziehen in entferntere Kulturwüsten, in anderes unbebautes Land, unseren darbenden und - bedrängten Brüdern Licht und frisches Leben zu bringen. Wenn die Begründer der AJU mit unerprobten Versuchen nur tastend vorgehen und aus herzenstiefer Überzeugung, aus unerschütterlichem Gottvertrauenund nicht zu entwurzelnder Bruderliebe die Kraft zur Ausdauer gewinnen mußten, so stählt uns der bereits gewonnene Erfolg, der uns das halbe Verdienst nimmt und zugleich unsere Pflicht verdoppelt! Unvergleichlich ist das Schulwerk, das die die AJU geschaffen hat, geschaffen unter Hindernissen, wie sie noch kein Erziehungsunternehmen je zu überwinden hatte. Inmitten einer meist feindlich gesinnten, mißtrauischen Bevölkerung, deren Mißtrauen zu gewaltsamer Betätigung neigt und die'nach hunderten von Millionen zählt, in weiter, kaum kontrollierbarer Ferne, unter den abweichendsten Kulturbedingungen, sollte ein herkömmlich durch grausame Behandlung künstlich zurückgehaltener und unterdrückter Bevölkerungsausschnitt unterrichtet 101

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