Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Journal
- Illustrirter jüdischer Familienkalender
- Volume
- 5668 = 1907/08
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 100 (sequence 109)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Alliance Israelite Universelle und die lewish Lvlonisalion Association Wer kennt nicht die Alliance Israelite Universelle. — Jeder kennt ihren Namen und nennt ihn mit Achtung und Ehrerbietung — aber mit ihrem Wesen sind nur wenige vertraut. Vor fast einem halben Jahrhundert ist sie ins Leben gerufen und mittlerweile Narciß Leven, Paris. mßmi. die Mutter einer noch größeren Gesellschaft geworden, mit der sie in herzinniger Vereinigung zum Segen aller Bedrängten unter unseren Glaubensgenossen waltet und wirkt. Die AJU ist die Mutter, die Jewish Colonisation Association ist die Tochter. Nicht über Nacht ist die AJU entstanden. Der erste Gedanke ihrer Bildung reicht in das Jahr 1840 zurück, in die Schreckenstage von Damaskus, da die Ermordung eines Klosterbruders das frevelhafte Märchen vom Blutmord neu erstehen ließ. Der damalige französische Konsul in Damaskus — Schmach bedecke und verlösche seinen Namen! — setzte unter dieses Märchen sein amtliches Siegel, nicht weil er, irregeführt, selbst daran glaubte, sondern weil auch das Mittel einer verbrecherischen Pauschalverläumdung ihm recht war, in dem schwebenden egyptischtürkischen Streit der französischen Politik einen Dienst zu leisten. Und was der Konsul getan, das billigte der Ministerpräsident Thiers, der lieber die Marterung Unschuldiger guthieß, als aus einen vermeintlichen Vorteil verzichtete, der sich lieber zum Knecht des frechsten Aberglaubens machte und den französischen Namen schändete, als daß er die Handhabe einer blutbesudelten Jntrigue preisgab. Den schuldbeladenen Mann hat die Strafe ereilt: Er hat die Stimme der Gerechtigkeit nicht hören wollen — und dreißig Jahre später war er es, der taube Ohren fand, als er durch alle Hauptstädte Europas eilte, um Hilfe flehend für sein Vaterland, das er geschändet und um den Ruhm der Menschlichkeit gebracht hatte. Drei jüdische Männer waren es — ihr Name glänzt für die Ewigkeit in den Blättern unserer ewigen Geschichte — Moses Montefiore, Adolfe Cromieux, Salomon Munck, ein Engländer, ein Franzose und ein Deutscher, die den Kampf für die Wahrheit aufnahmen, den Unglücklichen, soweit sie noch lebten, Rettung brachten, die Einstellung der Verfolgung und die Anerkennung des Rechts erwirkten. Bei diesem Anlaß geschah es, daß die westliche Judenheit schreckensvollen Einblick erhielt in die traurige Lage der Glaubensbrüder im Osten, die in Rechtlosigkeit, unter stetem Zagen ihr Leben vertrauerten, und die gleichwohl — ein