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Illustrirter jüdischer Familienkalender · 1907-01-01 · 5668 = 1907/08 · p. Seite 98

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Illustrirter jüdischer Familienkalender
Volume
5668 = 1907/08
Date
1907-01-01
Page
Seite 98 (sequence 107)
Language
German
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IRI
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Kindergarten in schönster Weise, und die Schulen beginnen schon die Saat zu ernten, welcher jener mit Mühe gesäet. Die 80 Zöglinge der Mädchenschule des Hilfsvereins sind fast ausschließlich ans dem Kindergarten hervorgegangen, und auch in der Lämelschule kann eine unterste Klasse für 6jährige Knaben angefügt werden, die in den Kindergärten vorbereitet worden ist. Zwar ist das selbst von vielen fortschrittlich gesinnten Eltern gehegte Vorurteil, als wenn Knaben vorerst das Cheder besuchen müßten, um nach einigen Jahren erst in die Schule einzutreten, noch nicht ganz beseitigt, doch macht sich dank dem zivilisatorischen Wirken des Kindergartens eine bessere Einsicht immer mehr geltend. Um einer recht großen Anzahl von Zöglingen den Besuch des Kindergartens zu erleichtern, empfahl es sich, von Beginn an möglichst in den verschiedenen jüdischen Wohnungszentren solche Anstalten zu eröffnen. So erfolgte ein Jahr nach der Gründung des ersten Kindergartens die Eröffnung eines zweiten, und im Herbst dieses Jahres war es möglich, dank dem verständnisinnigen Entgegenkommen des Hilfsvereins der Deutschen Juden, den geplanten dritten Kindergarten zur Freude der interessierten Kreise in der Montefiore- Häuserkolonie, in der Nähe der Altstadt, zu. eröffnen. Mit Rücksicht auf die knappen Mittel und die unzulänglichen Räumlichkeiten konnten nur 90 Kinder ausgenommen werden, während eine größere Anzahl abgewiesen werden mußte. Zwei Lehrerinnen und eine Gehilfin beschäftigen sich mit ihnen. Dasselbe Bild, das sich dem Besucher bei der Eröffnung der anderen Kindergärten darbot, wiederholt sich auch hier: Eine fröhliche Schar munterer Kinder, die das Neue, Ungewohnte glücklich macht. Schöne Bilder, Spielzeug aller Art, Gesang, Spiel u. dergl. früher ungekannte Beschäftigungen füllen-die Zeit angenehm aus. Daher eilen die Kleinen des Morgens freudig zur Anstalt und verlassen sie nachmittags nur ungern. Das Lokal des dritten Kindergartens hat eine vorzügliche Lage am äußerstere Ende der Häuserkolonie; es ist von den übrigen Häusern ziemlich isoliert. Das Lokal besteht aus drei Zimmern und einem teilweise überdachten Hof. Von dem Hause und dem Spielplätze aus hat man eine Aussicht auf ein herrliches Panorama. An einem Bergabhange gelegen, erhebt sich gegenüber der Zionsberg mit der alten Sradtmauer, links das Jaffator, rechts der Oelberg mit den Bergen Moab im Hintergründe, und tief unten zieht sich das Hiomtal hin, welches in den Kessel des Kidrontales mündet. Wie nirgends sonst bietet sich hier den Lehrerinnen die Gelegenheit dar, in ihren Zöglingen den Sinn für die Schönheiten der Natur zu wecken und zu entwickeln. Sämtliche drei Anstalten zählen zusammen 300 Zöglinge. Im ersten Kindergarten sind 100, im zweiten 110 und im dritten 90 Zöglinge. Davon sind 110 (86,6%) Aschkenasim (Haussprache : deutscher Jargon), 157 Sephardim (spanischer Jargon), 13 Bucharer (bucharisch), 9 Jemeniten (arabisch), 5 Marokkaner (arabischer Dialekt), 4 Perser (persisch) und 2 Grusiner (kaukasischer Dialekt des Russischen). Nach ihrem Alter gruppieren sie sich folgendermaßen: 107 3—4jährige, 131 5—6jährige und 51 7—8jährige Zöglinge. Letztere bleiben nur bis Ostern im Kindergarten, um alsdann in die Unterklasse der Mädchenschule einzutreten. Die Knaben befinden sich noch immer in der Minderzahl; bloß 64 Knaben — 22,5% der Gesamtzahl besuchen die 3 Anstalten. — In diesem Jahre hat sich das Komitee, vorzüglich im Interesse der armen Emigranten, veranlaßt gesehen, die Zahl der Gratisaufnahmen bedeutend zu erhöhen. 83 Zöglinge besuchen die Kindergärten ganz unentgeltlich. Seit dem Herbst dieses Jahres wirkt an unseren Kindergärten Frl. Elfriede Bambus aus Berlin, Tochter des verewigten Herrn Willy Bambus. Fräulein Bambus hat während dreier Jahre das Pestalozzi-Fröbel-Haus in Berlin besucht und dasselbe mit guten Erfolg absolviert. Durch die Anstellung des Frl. Bambus erhalten die Kindergärten eine bedeutende Förderung. Die einzige Kindergärtnerin in Palästina, die ihre Ausbildung in einer modernen deutschen Fachschule genossen hat, dürfte sie später, wenn ihr die hebräische Sprache vertraut geworden sein wird, zur Hebung des Kindergartenwesens in Palästina viel beitragen. Zweimal wöchentlich versammeln sich sämtliche Lehrerinnen und Gehilfinnen der drei Kindergärten, 16 an der Zahl, zu einer Konferenz, um alle Fragen, die die Anstalten und die Erziehung der Kleinen betreffen, zu besprechen bezw. durck Gedankenaustausch und gegenseitige Anregung sich zu belehren und im Fache zu vervollkommnen. Bei dieser Gelegenheit führr Frl. Bambus die Arbeiten des Pestalozzi-Fröbel-Hauses in Berlin vor und macht ihre Kolleginnen mit der modernen Methode und den neuesten Erfahrungen auf diesem Gebiete bekannt. So darf man sich getrost der Hoffnung hiugeben, daß der Kindergarten, dank der Opferwilligkeit des Hilfsvereins der deutschen Juden, seinen wohltuenden Einfluß auf die geistige und körperliche Erziehung und Entwicklung des Heranwachsenden Geschlechts in Jerusalem immer mehr geltend machen und die Entwickelung in neue glücklichere Bahnen leiten wird.

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