Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 1 (1939)
- Issue
- Fragment Nr. 2 Einzelnummer = Pariser Ausgabe (17.3.1939)
- Date
- 1939-03-17
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2424658-2424659-10407107--016-10407082- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
'-■־־׳>, »AgK -i~ in!!Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jerusalem P. O. B. 689; 5, Ben Jeliuda-Stiv, Telephon 8079. _ Geschäftsstelle für Europa (nur Expedition und Abonnements-Annahme für Europa und Amerika) : 19, rue du, Croissant, Paris Ile. — Geschäftsstelle für Tel-Aviv: 5, Mikveh Israel Str., Telephon 3102. — Redaktionsschluss: jeden Montag 5 Uhr nachm. Für unverlangte Manuskripte wird keine Garantie übernommen. Jeder Einsendung oder Anfrage ist ein internationaler Antwortschein beizufügen. Zuschriften f. d. Redaktion werden nicht an Einzelpersonen, sondern an die Redaktion, Jerusalem P.O.B. 689 erbeten. J E RUSALEM ב״ו אח־ תרצ״ט PARIS, 17. MÄRZ 1939 ffr. 3 50 JAHRGANG 1 / Nr. 2. Einzelnummer sh. -/5 hfl. 0.20 Erscheint einmal ,wöchentlich. — Anzeigenannahme fiir alle Länder: ausschliesslich Jerusalem P.O.B. 689. Für Palästina ausserdem Tel-Aviv, 5, Mikveh Israel Str. — Anzeigentexte per Luftpost erbeten. _ Die Anzeigen-Seite zerfällt in 6 Spalten, je 4,5 cm breit. Spaltenhöhe ca. 39 cm ==15£ ineh. Grundpreis: 1 inch 2 =־| cm sh 4/־ je Spalte. Minimalgrösse 1| inch (3,75 cm)., Einzelheiten lt. Inseraten-Tarif und Sondertarif für Familienanzeigen und Adressen-Mitteilungen. _Anzeigen- -Schluss: Montag nachm. 5 Uhr, dringende Familienanzeigen Dienstag 11 Uhr vorm. — Bezugspreise vergl. Liste am Schluss des Blattes. Jerusalem, 14. März. Vor den Londoner Beschlüssen Nach fünf Wochen augestrengter Verhandlungen stehen die Londoner Palästina-Konferenzen unmittelbar vor ihrem Abschluss. Hat man bisher von englischen ״Vorschlägen“ gesprochen, die der jüdischen und arabisehen Delegation vorgelegt wurden, so ist in dem letzten Stadium nicht mehr von ״Vorschlägen“' die Rede, sondern von dem Regierungs Programm, das unabhängig von der Zustimmung der. beiden Parteien noch in dieser Woche verkündet werden soll. Diese Möglichkeit hat die Regierung schon in der Erklärung vom 9. November 1938 ins Auge gefasst. Im Punkt 6 dieser Erklärung heisst es: ״Wenn die Londoner Besprechungen nicht innerhalb, einer . annehmbaren Zeit zu einer Übereinstimmung führen, wird die Regierung im־ Lichte , ihrer Untersuchungen des Problems und der Londoner Verhandlungen ihre eigene Entscheidung fällen und die Politik verkünden, die sie zu verfolgen gedenkt“. Am letzten Tage der Verhandlungen stehen die Forderungen der beiden Völker einander genau so unversöhnlich gegenüber wie am ersten Tage. Die Londoner Konferenz hat nicht vermocht, Juden und Araber zu einem Einvernehmen zu bewegen. Die Regierung ist daher in derselben Position wie vor dem Peel-Be״ rieht: sie muss ihre eigenen Wege gehen. Geändert hat sich nur insofern etwas Wesentliches, als man sich entschlossen zu. haben scheint, dem arabischen Standpunkt erhebliche Konzessionen zu machen. Diese Absicht war schon in dem Moment 1־־irr, wo die arabi- ד j ״־>.don srerulen Appell an England Die deutschen luden und die Londoner Entscheidungen sehen Fürsten und Ministe ־fuatu׳ec Wai'uen. 19 a ausgesprochen. 'letzAeli Zwei V'v Gciieit Staatsrechtliche Vorbedingung Es wäre sinnlos, in diesem Moment sich an dem Rätselraten zu beteiligen, wie die neue Politik der Regierung wirklich aussehen wird. Es ist darüber viel in die Presse gedrungen, aber immer wurden diese Gerüchte als ungenau oder gar irreführend bezeichnet. Eine ’wirkliche Stellungnahme und gewissenhafte Prüfung der Dinge wird daher erst möglich sein, wenn die Be- Schlüsse in ihrem Wortlaut vorliegen. Das Endziel der neuen Palästina-Politik soll, so heisst es, die Entstehung eines selbständigen palästinensischen Staates sein. Inzwischen scheinen uns zwei Formulierungen wichtig׳ zu sein, die in den letzten Diskussionen in diesem Zusammenhang laut geworden sind. Auf der einen Seite wurde betont, dass in diesem palästinensischen Staat die Position und die Rechte des jüdischen Nationalheims konstitutionell und faktisch gesichert sein werden. Zweitens wurde ausgesprochen, dass die Selbständigkeit dieses Staates sich nur auf der Grundlage jüdisch-arabischer Zusammenarbeit ergeben könne. Was die Garantie betrifft, so muss man Einzelheiten abwarten, denn niemand wird den Juden verübeln können, wenn sie die Frage aufwerfen, welchen realen Wert solche Garantien haben, wenn erst einmal der Rückzug begonnen hat. Haben wir doch z. B. in München feierliche Erklärungen über die Garantie der Grenzen der neuen Tschechoslowakei gehört. Schon darum ist es wichtig, dass der andere Grundsatz, von dem hier die Rede ist, ernst genommen wird: dass nämlieh ohne jüdisch-arabischen Ausgleich ein selbständiger paläst inensischer Staat unmöglich ist. Die■ Peel- Kommission schlug die Teilung des Landes vor, weil sie der Meinung war, dass bei der heutigen Lage die Juden und Araber in einem Staate nicht friedlich Zusammenleben können und ihre Kämpfe den Staat sprengen müssten. Wenn man jezt trotzdem die beiden Elemente zusammenfügen will, dann ,muss zuerst eine tiefe׳ innere Wandlung vor sich gehen und auch praktische Mittel und praktische Hilfe für eine Kooperation der beiden Völker gefunden werden, sonst wird die Politik des selbständigen Staates, die man jetzt proklamiert, gewiss kein friedlicher Abschluss der Entwieklung sein. Die Hauptfrage Im Mittelpunkt des Interesses und der Debatten stand in der letzten Zeit die Frage der staatsrechtlichen Form Palästinas, also all die Fragen, die mit der Beendigung des Mandates, mit der Selbständigkeit des Landes und seinem Verhältnis zu England zusammenhängen. Man kann annehmen, dass sich dabei noch allerlei wichtige Probleme ergehen, die nicht so offenkundig daliegen, so z. B. würde eine solche radikale Unter den jüdischen Gruppen, die jetzt, uninittelbar vor der bevorstehenden Regierungserklärung, in angstvoller Erwartung nach London schauen, stehen die deutschen Juden nicht an letzter Stelle. Die Juden aus Deutschland sind in der tragischesten Situation, in der ein Volkssplitter sein kann. Vertrieben aus dem Land, in dem ihre Vorfahren über tausend Jahrp gelebt haben, stehen sie um Einlass bittend an den Toren aller Länder, die sich ihnen verschliessen. Da ist ein Land, darin nach feierlichem Beschluss von 52 Staaten ein 'Nationalheim für das jüdische Volk errichtet werden soll; was ist natürlicher, als dass die um ihres Jude-Seins willen Verfolgten sich in dieses Land wenden! Und die für die ׳ Verwaltung dieses Landes verantwortliche Macht, England, hat mehr Verständnis und Sympathie für die Lage der deutschen Juden gezeigt als irgend eines der grossen Länder (neben USA). England setzt in diesen Tagen seine neue Politij^ in Palästina fest. Zehntausende von wartenden und in der Welt herumirrenden deutschen Juden wenden sich an England mit dem Appell: Sichert die jüdische Einwanderung nach Palästina! ' Bei den Verhandlungen in London ist wahrscheinlich die Lage der deutschen Juden ein Argument von besonderem Gewicht. Es ist ein wichtiges und keines- Wegs.• ZVlfp,1 Grrosj,■:-<1,״.״-יI vmeint EnglaA.i' aus ׳־ :brrv/agaiigtu,. .die; 11101113 mit der Judenfrage und auch nichts mit Palästina zu tun haben, ein Politik einschlagen zu sollen, die präktisch auf eine Verringerung der jüdischen Entfaltungsmöglichkeiten in Palästina hinausläuft; in demselben Moment aber, in dem die gegenwärtige Phase der Politik begonnen hat, wurde die Zuspitzung der Judenfrage in einer überaus drastischen Weise sichtbar. Die öffentliehe Meinung Englands war bis aufs tiefste aufge- ־wühlt, und das englische Volk zeigte aktiv seine Teilnähme für die Opfer der Verfolgungen. Was soll nun geschehen? Die Evian-Konferenz hat in Wahrheit mit einem Fehlschlag geendet, die Unmöglichkeit der umfassenden Hilfe durch Einwanderung in andere Länder zeigt sich von Tag zu Tag deutlicher und die einzige Hoffnung —־ gerade nach Evian — blieb Palästina. Das muss England sehen und anerkennen. Manche vermuten, dass ohne die Ereignisse des 10. November in Deutschland es den Engländern viel leichter gefallen wäre, die jüdischen Interessen in Palästina preiszugeben. Die Tragödie der deutschen Juden ist in der ganzen Welt heute der Leitfaden bei der Betrachtung jüdischer; Probleme. Bei der Neugestaltung Palästinas darf die Stimme der deutschen Juden nicht ungehört bleiben. Für andere mag die Palästinafrage eine Sache der Politik sein, für die deutschen Juden (und damit repräsentieren sie nur das ־Galut-Schicksal des jüdischen Volkes als solches) ist die Möglichkeit der Einwanderung, eine Frage von Tod und Leben. Wenn England in dieser kritischen Stunde die Tore Palästinas für eine grosse jüdische Einwanderung offen hält, so sind wir überzeugt, dass sich eine solche Politik 'der Grosszügigkeit gegen eine vertriebene und von keinem anderen Land aufgenommeiie Menschengruppe durchaus mit den politischen Bedürfnissen des Tages in Einklang bringen lässt. Die deutschen Juden sind friedliche Bürger, sie bringen dem Land alle ihre Fähigkeiten und Kräfte, sie sind bereit, mit allen Bevölkerungselementen harmonisch zusammenzuarbeiten. Jedem Volke, das . sie aufnimmt oder das ihnen eine Mögliehkeit für den Aufbau eines neuen Lebens bietet, werden die Juden dankbar sein. Man hat einmal gesagt, die Juden seien das Volk des langen Gedächtnisses; sie vergässen nicht, wenn ihnen Gutes getan wird. Es ist unmöglich, dass England sich diesem Appell verschliesst und die deutschen Juden preisgibt. Die deutschen Juden haben schwere Erfahrungen und Enttäuschungen, ja tiefe seelische Erschütterungen durchgemacht. Sie wollen es überwinden und ein nützlicher T^il der schaffenden Menschheit bleiben. Wie aber s9n^1.nMgnsg!i(|׳ es ertragen, wenn; und des5sehs Verehren/ 'nun auch seine, gegebene Zusichein .gen 'in Frage stellt? Niemand vöriA mag zu sagen, wohin die Juden aus Deutschland ihre Schritte richten sollen. In den letzten Monaten tauchten immer wieder phantastische Projekte auf, es ist aber nichts zu ihrer Verwirklichung getan worden. Es ist gewiss dankenswert, wenn in diese oder jene subtropische Kolonie zehn jüdische Familien gesandt werden; das Problem als solches bleibt dadurch unverändert. Bei jeder Behandlung der Palästinafrage steht die Frage der Einwanderung im Vordergrund. Wie immer die Entscheidung fallen möge, die Einwanderung nach Erez Israel muss für die Juden ermöglicht werden, weil sonst Probleme entstehen können, die für die Weltpolitik und das Weltgewissen einfach unentwirrbar werden. Die Wortführer des jüdischen Volkes, die in London verhandeln, sprechen auch im Namen der deutschen Juden. In Palästina wollen die Juden aus eigener Kraft etwas schaffen, was die Möglichkeit der Erhaltung des Judentums bietet. Hier können wir in schwerer Arbeit unser eigenes Leben auf bauen. Wenn uns auch das genommen wird, dann gibt es keine Antwort mehr auf die Frage der Einordnung des jüdischen Volkes in die Gemeinschaft der Kulturvölker. Wir werden und können uns damit nicht abfinden. Wandlung auch das benachbarte französische Mandatsgebiet Syrien nicht unbeteiligt lassen. Die Unterhaltung Dr. Weizmanns mit dem französischen Aussenminister Bonnet anfangs dieser Woche dürfte wohl diesem Thema gegolten haben. Neben den Fragen der grossen Politik interessieren uns Juden aber die ״Einzelfragen“, über die in den letzten Tagen wenig verlautete. Die wichtigste dieser Einzelfragen ist die E i n - Wanderung. Man hat verschiedene Ziffern genannt, von den Ziffern, die dem auf’ 10 Jahre berechneten Vorschlag Lord Samuels nahekommen (ca. 25—30 000 jährlieh), bis herunter zu einer Ziffer, die sieb den Palliativ- Vorschlägen des Peel-Berichts annähert (12 000 jährlieh). Die Möglichkeit einer grossen Einwanderung ist aber für die Juden eine Lebensfrage, nicht nur vom palästinensischen Standpunkt, sondern wegen der akuten Judennot in Europa. Aber auch für Palästina ist eine grosse Einwanderung lebenswichtig. Palästina befindet sich gegenwärtig in einer Stagnation, die durch eine grosse und gut organisierte Einwanderung mit einem Schlage überwunden werden könnte. Alle Beobachter einschliesslich der englischen Untersuchungs- Kommissionen stimmen darin überein, dass ohne Ein־ Wanderung auch die arabische Wirtschaft und die ganze Struktur des Landes zusammenbrechen müssten. Von allen Einzelheiten des neuen - englischen Regierungs- Programms werden die Bestimmungen über die künftige Einwanderung am ungeduldigsten von der jüdischen Welt erwartet. Einsteins Geburtstag Neben allen den vielen Gruppen von Menschen, die Albert Einstein zu seinem 60. Geburtstag beglückwünschen — und wir sind überzeugt, dass dieser Gra- 'tulanten nicht wenige und nicht geringe sein werden — haben wir Juden, und besonders die Juden aus Deutschland, ein besonderes Wort zu sagen. Es ist nicht unsere Sache, Einsteins wissenschaftliche Grösse oder die Einzelheiten seines Systems zu beurteilen. Für jeden unvoreingenommen Denkenden, sogar für etwaige wissenschaftliche Gegner, ist Einsteins wissenschaftliche Bedeutung gewiss unbestritten. Kein wirklicher Wissenschattier wird seine Stellung zu mathematischen oder physikalischen Problemen davon abhängig machen, ob ein Forschungsergebnis von einem Juden oder einem Nichtjuden herrührt; wir würden es aber für ebenso falsch halten, wenn Laien sich in schwierige wissenschaftliche Erörterungen einlassen, nur weil ein Jude daran beteiligt ist. Wenn wir Juden einem Manne wie Einstein gratulieren, so wollen wir nicht uns selbstgefällig in seinem Ruhme bespiegeln. Aber wir schulden ihm Dank. Einstein hat in den letzten 20 Jahren seines Lebens sich nicht auf ein wissenschaftliches Einsiedler-