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A. D. Gordon: Briefe aus Palästina 643 BRIEFE AUS PALÄSTINA Der palästinensische Arbeiterführer A. D. Gordon, von dem wir im i. Heft den Aufsatz „Arbeit" brachten, stellt uns das Manuskript von vier „Briefen" zur Verfügung, die, ursprünglich für ein breites ostjüdisches Publikum bestimmt, diesem demnächst im jiddischen Original bekanntgegeben werden sollen, die aber wohl den Westjuden nicht weniger zu sagen haben. … Das reinigt, das befreit, denn das bringt das Leben, wie es ist, und das Leben selbst kann auf der Seele spielen, auf allen Saiten des Gefühls und des Gedankens. Und so einfach ist mein Gruß aus Palästina. Alles ist in Palästina so einfach, werktägig wie überall. Ihr habt hier alle Kleinlichkeiten und, wenn ihr wollt, alle Niedrigkeiten wie überall.
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Das ist der Vorzug von Palästina für uns, daß wir in ihm bei uns sind, bei uns in allem, was wir sind und was wir erleben — ob wir es nun fühlen oder nicht. … Ist einer in Palästina, hat er etwas getan, etwas gelitten für unsere Sache, so mag er später auch, Gott behüte, bankrott machen oder gar außer Landes fahren, mag sein Tun ins Nichts zerfallen, —■ seine Energie, seine Hingabe, sein Leiden bleibt.
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Bei jemand Interesse erwecken heißt nicht, ihn für immer gewinnen, gewinnen mit Leib und Leben, — und Erez Israel fordert von euch Leib und Leben oder es fordert nichts. Ihr seid Juden, solche Juden, wie wir in Palästina. Meine Absicht ist, euch nicht so sehr darauf aufmerksam zu machen, was ihr für Palästina tun müßt und könnt, als vielmehr darauf, daß Palästina für euch mehr tun kann, daß es euch mehr geben kann als ihr ihm. Und nur dann, wenn Erez Israel euch etwas Lebenswichtiges gibt, nur wenn ihr in ihm das sucht, was ein Jude nirgends sonst finden kann, was tief in jeder jüdischen Seele fühlbar ist, ohne daß es einen Ausdruck finden kann, weil es keinen Ausdruck besitzt, weil es nach einem solchen erst in Palästina sucht, — erst dann könnt ihr etwas Wesentliches für Palästina tun. Sehr schlimm, sehr schädlich würde es für euch und für Palästina sein, wenn ihr ihm nur geben und nichts von ihm nehmen würdet.
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728 A. D. Gördon: BRIEFE AUS PALÄSTINA Dritter Brief Meine Freunde! Ich komme jetzt zum schwierigsten Gegenstand unserer Unterhaltung. Wir halten beim Krieg.
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Briefe aus Palästina 729 als die Begierde, über den andern, seine Kraft, seinen Willen, sein Leben zu herrschen, um ein wirtschaftlicher oder ein geistiger Parasit oder beides zu sein.
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Briefe aus Palästina 731 So ist das Leben des Einzelnen und so das des Volks. Eines hängt von dem andern ab. Richtiger: das Volk ist das wichtigste Zwischenglied zwischen dem Leben des Individuums und dem der Natur.
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Briefe aus Palästina 733 Lebens gebe es größere und wirksamere Kräfte. Da arbeiteten einerseits der Lebenswille jedes Einzelnen, sein Kampf ums Dasein, andererseits die sozialen Verhältnisse, der Kampf der verschiedenen Klassen um ihren Anteil an den ökonomischen Gütern.
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Briefe aus Palästina 735 alle Teile des Volkes und damit auch für die ganze Menschheit von größerer Notwendigkeit ist, sondern das am meisten Gangbare, das heißt das, was Reichere brauchen, Parasiten gleich seinem Eigentümer, und Reichere gibt es auf der ganzen Welt natürlich mehr als in einem Volk.
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736 A. D. Gordon:. Briefe aus Palästina machen, daß ein höheres Leben führen als das Leben in Reichtum und Herrschaft — sich vollkommen in das Leben der unendlichen Natur einleben heißt, daß die Arbeit nicht nur technisch das Leben zu verbessern, sondern es auch zu schaffen und zu entdecken hat und zum Erforschen eines neuen Lebensinteresses, eines neuen Lebenszieles führen soll. … Aber darüber in dem folgenden Brief. Einstweilen alles Gute, meine Freunde! Palästina A. D. Gordon
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Briefe aus Palästina 797 in Palästina überhaupt national sein. Das ist der Hauptgedanke des Nationalfonds. Aber nicht weniger wesentlich ist die Arbeit. Nationale Erde und nationale Arbeit, das sind zwei Seiten einer Münze. Was das jüdische Volk in Palästina vor allem sucht oder suchen muß, ist ein Leben durch eigene Hände und kein parasitäres. Parasitentum heißt wieder Golus.
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794 A. D. Gordon: BRIEFE AUS PALÄSTINA Vierter Brief Meine Freunde! Ich kehre jetzt zu unserem Gegenstand zurück, zu unserer eigenen Nation. Wer einer lebendigen Nation angehört, kann sich den Luxus oder die Laune erlauben, ein Kosmopolit, ein Antinationalist, ein Nationalist auf Bedingung, ein Nationalist aus Gnade oder Verpflichtung und dergleichen zu sein.
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Briefe aus Palästina 795 und bis in die tiefsten Fundamente. Und da sieht er bald, daß in Wahrheit seine eigene Seele zerrissen ist und wir deshalb untereinander so zerrissen sind, da wird ihm klar, daß unser nationaler Riß seinen Anfang in der Seele eines jeden von uns hat. … Vor einer jüdischen Seele hat Palästina keine Angst.
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796 A. D. Gordon: Also — Palästina. Was können die Juden in den Golusländern für Palästina tun? Was kann Palästina den Juden in den Golusländern geben? Da kommen wir wieder zu dem, was am Ende des ersten Briefes gesagt wurde, daß nur dann Juden etwas Rechtes für Palästina tun können, wenn Palästina ihnen etwas Rechtes gibt. Und daher gilt es, über beide Fragen oder über beide Seiten dieser einen Frage zu sprechen, und zwar zuerst über das, was Palästina den Golusländern geben kann.
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Selbst zu arbeiten, selbst zu denken, fühlen, schaffen, selbst zu leben — das müssen wir erst lernen. Palästina ist zwar unser Lehrer, aber wir sind sehr schlechte Schüler. Etwas davon lernen wir aber doch. Ebenso steht es mit unserer Sprache. … Offenbart sich der Mensch, wie man sagt, im Stil, so sicherlich die Nation in der Sprache. Unser Hebräisch in Palästina ist ein klarer Spiegel unseres Lebens in Palästina. Und in diesem Spiegel sehen wir am klarsten, wie groß die Schwierigkeiten in unserem Tun und Schaffen sind, die aus uns selbt, aus unserem inneren, geistigen Golus kommen.
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Briefe aus Palästina 799 kein Wunder, daß man ein vielleicht noch glücklicheres Ideal gefunden hat, daß es ein Schreiber fertig gebracht hat, mit seherischem Blick zu entdecken, daß Palästina ein Land für Touristen sein und davon sehr gut leben wird, d. h. einfach, daß Palästina eine Art großes Hotel sein wird. Etwa keine schöne Erwerbsquelle für das jüdische Volk? Bei solchen Begriffen von dem, was wir in Palästina suchen — was für ein lebendiger, natürlicher Bund kann da zwischen unserem Leben und Tun und unserer Sprache sein?
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Das wird gewiß einen großen Einfluß auf die Juden in jenen Ländern haben, auf ihr ganzes geistiges Leben, und wird auch als lebendiger Verkehr zwischen Palästina und den übrigen Juden dienen. Mögen nur junge Kräfte nach Palästina kommen, um hier zu arbeiten und zu leben, Kinder und Erwachsene, um hier zu studieren (von ihnen wird sicher auch ein Teil hier bleiben und arbeiten), — das wird beide Seiten beleben und erleuchten: sowohl Palästina als auch die Golusländer. Da ist ebenfalls eine gegenseitige Wirkung vorhanden. Wird Palästina leben und Leben schaffen, dann wird das Leben der übrigen Länder auch größer, tiefer, reicher werden und seinerseits das Leben in Palästina vertiefen und bereichern.
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Was sagt ihr, meine Freunde, habe ich mich an die richtige Adresse gewandt? . . . Friede und Segen sei mit euch! Palästina A. D. Gordon DIE RELIGIÖSE FORDERUNG DES JÜDISCHEN NATIONALGEDANKENS I. Die zeitliche Dauer religiöser Bewegungen wird durch den Generationswechsel der Menschheit nicht durchbrochen.