Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Zweite Folge - dritter Jahrgang 5628 (1867-1868) (1868)
- Date
- 1868-01-01
- Page
- Seite 92 (sequence 127)
- Language
- German
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92 Wie? — fragte die Angeredete — tragen denn die jungen Weiberbei Euch daheim noch nicht die eigenen Haare? Und Gott soll hüten und retten! — schlug Frau Kreßel die Hände übereinander. — Wie heißt die eigenen Haare? ein verheirath' Weib die eigenen Haar'? ein Weib, was einmal unter der Chuppe (dem Trauhimmel) gestanden, die eigenen Haar'? meint Ihr denn, man kennt bei uns keine Jüdischkeit? die Gassenjungen möchten einem solchen Weib ja nachlaufen und möchten ihr Steine nachwerfen! man möcht' ihr daheim bei uns ja Klucken ins Gesicht hineinspeien! man möcht' ja nicht in ihre Nähe , in ihre vier Ellen gehen wollen, sie wär' ja verachtet wie ein Hund! Wie heißt, die eigenen Haar'? wie könnt Ihr nur so ein Wort zum Maul herauslassen und fürchtet Euch nicht vor einer Sünde? Merkwürdig, wie Ihr reden thut — nahm jetzt die Andere wieder das Wort — Ihr thut, als wie wenn Ihr daheim von uns hier hundert Meilen weit entfernt wäret und als wie wenn Ihr gar nicht wissen möcht', wie man es hier bei uns mit der Sach' hält. Auf die Art, mögt Ihr vielleicht auch meinen. Eure Schnur wird sich lassen, wie Eure Mädel daheim, die Haar abschneiden und wird sich ein fremdes Scheitel anthun? Wie heißt, ich mög' meinen -- sagte Kreßel — auch gerecht! was soll ich denn anders meinen? ist sie denn kein jüdisch Kind? aus keinem jüdischen HauS heraus? Ich sag Euch aber, Ihr irrt Euch grob, wenn Ihr glaubt, daß sich Roserl Freibürger wird lassen die Haar abschneiden.