Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 15 (1937)
- Issue
- 1 (1.1.1937) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Magdeburg, Tilsit, Bremen, Nordwestdeutschland, Halle, Duisburg, Stettin und Pommern)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Chajjim, „Haus des Lebens“ — davon soll hier heute gesprochen werden. Mehr als je sind unsere jüdischen Friedhöfe wieder Häuser des Lebens, Stätten, in die unser Leben eingefangen ist, in denen es bewahrt bleibt und überdauert — das Leben der Einzelnen, das der Gemeinden, das unserer Gesamtheit. Geh nach draußen, vor die Tore deiner Stadt, zum „Haus des Lebens“ —: Eltern, Großeltern und Vorfahren, Geschwister, Ehegatten und auch teure Kinder ruhen dort, und — die Liebe ist stärker als der Tod. Geh nach draußen, vor die Tore deiner Stadt, zum „Haus des Lebens“ —: jeder, der in deiner Gemeinde gestorben, der hat auch» hier gelebt, sei es nun kurze oder lange Zeit, sei es als ein Treuer oder als Ungetreuer, sei es als öffentlich Wirkender oder als in der Stille lebender Teilhaber an Wohl und Wehe der Gemeinde, deren bleibende, in Stummheit redende Chronik diese Steine sind. Wie die Blindheit hellsichtig macht, so ist die Stummheit dieser steinernen Gemeindechroniken eindringlichstes, beredtestes Sprechen über Zeit und Vergangenheit hinweg von Menschenalter zu Menschenalter. Geh nach draußen» vor die Tore aller Städte, in denen Juden leben oder gelebt haben, und sieh, wie alle die vielen „Häuser des Lebens“ zu einem einzigen großen Haus des Lebens — des Lebens der jüdischen Gesamtheit — sich vereinigen. Vergleiche auf den Grabsteinen der einen Stadt die Namen mit denen in einer anderen Stadt (auch die Geburtsnamen der Ehefrauen); vergleiche die Geburts¬ und Sterbe -Daten; vergleiche die Orte: der Geburtsort, aus dem der Tote kam, steht auf dem Stein; der Stein selbst aber steht auf dem Boden des Sterbeortes, in dem der Tote zuletzt lebte — — wer all diese Namen, Daten und Orte zu überschauen vermöchte, der hätte vor sich ausgebreitet das steinerne Buch der gesamten jüdischen Geschichte. Steinern, das heißt unvergänglich. Häuser des Lebens... Hast du einmal von Eydtkühnen gehört, Deutschlands östlichstem Grenzort? Dreimal sah ich die Stadt, dreimal ihre Synagoge, dreimal ihren jüdischen Friedhof. 1922 zuerst — vier Jahre nach dem Ende des Krieges, der an seinem Beginn mit allen Schrecken über ganz Ostpreußen hingegangen war; unter den wenigen Häusern, die in dieser Stadt an der Grenze Synagoge auf der »Queen Mary« ' Fot.Sonnenfeld unversehrt geblieben waren, wurde auch die Synagoge genannt und gezeigt. Nun war die Stadt neu aufgebaut, Handel und Verkehr blühten wieder, und auch das jüdische Leben schien zu neuer Zukunft erwacht. Wie anders dann alles beim Wiedersehen 1934; die Grenze nach Osten geschlossen, die Stadt hoffend, daß eines Tages der Grenzverkehr, ihre Haupteinnahmequelle, wieder freigegeben werde, aber die Juden ohne Anteil an den allgemeinen Sorgen und Hoffnungen, zurückverwiesen auf sich selbst, auf ihr jüdisches Sonderschicksal. 1936 dann nicht anders: die Gemeinde verkleinert, zumeist durch Abwanderung, doch auch durch den Tod. Die Gräberreihen auf dem Friedhof haben sich gemehrt; auf den alten Inschriften kenne ich die Familiennamen, auf den neuen kenne ich auch die Vornamen und kannte ihre Träger; ihre Angehörigen habe ich gestern noch gesprochen. Und noch immer steht jenes Grab, dessen Schriftplatte vor 24 Jahrein von Maschinengewehrschüssen durchsiebt worden ist, ohne daß auch nur ein einziger Buchstabe beschädigt wurde, die Geschosse gingen sämtlich zwischenden Buchstaben hindurch — Haus des Lebens! Die kleine oberschlesische Stadt Z ü 1 z beherbergte einst eine der größten und berühmtesten jüdischen Gemein- Betsaal auf der »Normandie« Fot.Sonnenfeld den; es soll die älteste schlesische Judensiedlung gewesen sein. Heute ist die Synagoge verpachtet, ihre Einrichtung ist an anderem Ort verwahrt, und es gibt dort keine jüdische Gemeinde mehr. Schon seit Jahrzehnten sind die Juden in größere Städte abgewandert, ins benachbarte Neustadt, nach Oppeln oder Gleiwitz, nach Breslau, nach Berlin und nach Hamburg und — wie wir noch hören werden — auch nach Schweden. Aber was Juden dort gedacht und gefühlt, gelebt und geleistet haben, das ist nicht ausgelöscht; geh zum „Haus des Lebens“, so findest du Namen und Schicksale verzeichnet — Namen und Schicksale, die du kennst, weil du ihnen auch an anderen Orten und in jüdischen Büchern und Geisteswerken wiederbegegnest. Kennst du von Ricarda Huch die Erzählung: „Der Hahn von Quakenbrück“? Die bekannte Schriftstellerin hat auch diesen Ort bekannt gemacht, er liegt im Münsterländischen und hat auch eine jüdische Gemeinde., Aber er hat keinen jüdischen Friedhof oder doch scheinbar nicht, denn das „Haus des Lebens“ liegt viele Kilometer außerhalb der Stadt, zwischen Wäldern, Sümpfen und Wiesen, an einem kleinen Flüßchen, das „die Hase“ heißt und ein Nebenfluß der Ems ist. Dies Flüßchen aber hat seine Tücken: es untergräbt das feste Erdreich, sodaß viele der alten Grabsteine versacken und alle paar Jahre wieder hervorgeholt werden müssen, auch die Ummauerung ver- - sinkt an vielen Stellen im Sumpfboden, und selbst der künstlich aufgehöhte neuere Teil des Friedhofs erfordert— dauernde Beobachtung und Bearbeitung. Dies alles auf einem weit abgelegenen einsamen und unzugänglichen Stückchen Erde durchzuführen, ist schwierig und kostspielig. Und doch wird der Friedhof erhalten und gepflegt, das verlangen Religionsgesetz und Pietät, und mit der Gemeinde vereinigen sich zu diesem frommen Zweck die Kräfte, die von dort Begrabenen ausgegangen und heute noch wirksam sind: Kräfte von Enkeln und Urenkeln, die heute in größeren Gemeinden und teilweise Fm Ausland leben. Ein Friedhof zwischen Sümpfen, ein anderer, kaum minder beschwerlich zu erreichen, hoch oben am Berghang; er gehört der Gemeinde Bleicherode am Harz. Auch dieser Friedhof wird liebevoll gepflegt. Der Gemeindevorsitzende, der mit mir hinaufgeht, zeigt mir unter anderen Gräbern auch diejenigen seiner Urgroßeltern, 5