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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1935-01-01 · 1 (1.1.1935) · p. Seite 5

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
13 (1935)
Issue
1 (1.1.1935)
Date
1935-01-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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um sie zu beseitigen, und gemeinsam daran arbeiten, daß zum Segen unserer Jugend unsere Schulen zu wirklichen jüdischen Schulen in des Wortes bester Bedeutung werden. Und wenn endlich dieser oder jener es bedauert, daß ihm auf unseren Schulen nicht die Kenntnisse der „Höheren Schule“ vermittelt werden, so soll er sich mit den Gegebenheiten ahfinden in dem Gedanken, daß die Schulbildung noch nicht den Menschen macht, und daß von unseren Eltern und Großeltern nur wenige die hohe Schule besucht und doch den Grund gelegt haben für die hohe geistige Blüte des deutschen Judentums in den vergangenen Jahrzehnten. Beichsvertretung, Landesverbände und jüdische Gemeinden haben Schulen eingerichtet: Jüdische Eltern, jüdische Lehrer und jüdische Jugend! macht aus ihnen jüdische Schulen! Aus der kulturellen Arbeit des Landesverbandes: Unsere erste Bücherkiste Von Dr. Erich Gutlnnnn. Nach vielen Vorarbeiten, die erforderlich waren, tun die Wanderbücherei des Preußischen Landesverbandes sorgfältig aufzuhauen, haben wir nunmehr die ersten Bücherkisten in die Kleingemeinden versandt. Schon vorher haben zahlreiche Zuschriften aus allen Gegenden Preußens, die Opferwillen und Bereitschaft vertrauenswürdiger Mitarbeiter bewiesen, öfter sogar ein rechter Durst nach den Quellen jüdischen Wissens uns belehrt, daß wir auf dem richtigen Wege sind. Nichts ist in der weit von der Straße der großen Bildungsveranstaltungen ahliegendcn Kleingemeinde so bitter notwendig wie das jüdische Buch. Es ist nicht richtig, wie man es in unserem Jahrhundert des öfteren lesen und hören konnte, daß nur die Gemeinschaftsveranstaltung die Menschen innerlich zueinander bringt, und daß das Buch den Menschen vereinzelt. Gerade für uns Juden eröffnet der Blick in das'Buch den tieferen Blick in die Schicksalsgemeinschuft, in das Gemeinsame unseres Wesens und Wollens. Das jüdische Buch ist der Spiegel des jüdischen Schicksals. Wir haben bereits eine Anzahl Bezirksstellen, von denen jede eine Bücherkiste mit 100 Bänden erhielt. Die Bücherkiste enthält 5 Bücherpakete mit je 20 Büchern, versandbereit für die einzelne Gemeinde. Oeffnen wir eines jener Bücherpakete und betrachten wir seinen Inhalt. Da wird es so recht deutlich, wie das Judentum alle seine Kräfte aus seiner Tradition sog. Wo wir hinschauen, die Zeugen einer großen Vergangenheit. Hier die Lebensläufe aus dem 18. Jahrhundert: Moses Mendelssohn, von Berta Badt-Strauß liebevoll ausgewählt und eingeleitet. Dort Aron Isak aus Treuenbritzen, der kleine Petschaftstecher, der es am schwedischen Hofe zu Ansehen und Größe brachte. Dann die „Fünf Frankfurter“, in dem Buche „Glanz und Niedergang des Hauses Rothschild“ von Bavage spannend dargestellt. Und hierzu, noch Theilhabers „Schicksal und Leistung“, eine glänzende Darstellung der Taten jüdischer Menschen in der deutschen Technik und Wissenschaft. Dann einer der heute meistgenannten und geehrten Juden, der unermüdliche Vorkämpfer des Palästina-Aufbaues, Theodor Herzl, von Manfred Georg geschildert, und bald dazu sein Lebenswerk, das heute mehr denn je lebendig wurde: „Palästina, wie es wirklich ist“ von Herrmann, eines der jüngsten Bücher über das neue „gelobte Land“. Wie aber das Judentum in allen Jahrhunderten, in allen Ländern und Zeiten lebte und allen Verfolgungen zum Trotze sich erhielt, das liest sich immer wieder am schönsten in Heinrich G r a e t z ’ „Volkstümlicher Geschichte der Juden“. Joseph B 1 o c h s Verteidigungsschrift gegen gegen die berüchtigten Anschuldigungen Rohlings wuchs sich zu einem monumentalen Werk „Israel und die Völker“ aus, in welchem ein gewaltiges Material der Verteidigung gegen alle Angriffe bereitgestellt ist. Und wer zurückgeht auf den Ursprung aller sittlichen und religiösen Kräfte, der findet ein prächtiges Handbuch in den „Lehren des Judentums“, einem großen Sammelwerk, dessen fünfter Teil, „Judentum und Umwelt“ kürzlich von Dr. Fritz B a m h e r g e r herausgegeben wurde. Aber es ist nicht immer gesagt, daß man sich in wissenschaftliche Bücher vertiefen muß, um Wissen zu erwerben. Führt doch oft genug der Weg über einen gediegen und klug geschriebenen Roman, eine Novelle, ein Sagen- oder Schwankbuch zu den Ursprüngen, nach denen man dann freilich oft erst begierig wird. Oder wünschte der Leser von Wladimir Jabotin skys Simson- Romnn — wie wenige wissen, daß der bekannte Revisionisten-I’ührer ein Dichter ist! — nicht, rasch noch einmal in der Bibel nachzulesen, wie es wirklich war, und ob Simson jener kraftgenialische Schalksnarr gewesen ist, als den ihn der Dichter sieht? Oder ist uns.der jüdische Till Eulenspiegel aus dem Ghetto, „Hersch Ostropoler“, wie ihn Chaim Bloch zu uns reden läßt, ein wenig näher? L'eberhaupt, die ostjüdischen Schriftsteller! Wieviel ungebrochenes Volkstum, wieviel Liebe zu einer kärglichen und unsicheren Heimat, wieviel altes deutsches Kulturgut steckt da! Karl Emil Franzos und Leopold K o m p e r t mit ihren Ghettogeschichten sind alte Bekannte.- Aber erwuchs nicht auch dort Ghaim Nachman B i a 1 i k , der große hebräische Lyriker, den wir in Ernst Müllers schöner Verdeutschung leicht genießen können? Richard Beer- H o f m a n beweist, daß die edelste und kulitvierteste Dichtung auch in den Reihen der Juden zu finden war. (Stammte doch selbst Hugo von Hofmansthal einerseits von Juden ab, und Karl Wolfskehl blieb einer der berufenen Künder und Nachfolger Georges.) „Jaakobs Traum“, das Vorspiel zu einer großen biblischen Trilogie gemahnt uns an Stefan Zweigs dramatisches Werk „Jeremias“. Von ihm l^sen wir freilich gern einen der Novellenbände aus der „Kette“, vielleicht die „Verwirrung der Gefühle“, wo uns der „Untergang eines Herzens“ zugleich das Problem der Generationen und das der Emanzipation aufi rollt. Da steht Georg Hermann, der liebenswürdige Jettchen Gebert-Dichter nicht eben fern, wie er uns in „Eine Zeit stirbt“ mit einer wunderbaren Mischung von; Lachen und Weinen von den Schicksalen jüdischer Bürgerfamilien Berlins in der Inflationszeit erzählt. In Gerson Sterns neuem Roman „Weg ohne Ende“ (vgl. die Besprechung in diesem Heft) geht allerdings für uns um letzte Dinge, denn hier\ wird das Schicksal des ewigen Juden im Gegenwärtigen deutlich, und ist nicht Max B r o d s „Reubeni, König der Juden“, der bekannte Roman aus der Renaissancezeit, auch im Grunde ein Beitrag zu dieser bedeutungsvollen Sache? Werfen wir noch iien Blick auf zwei merkwürdige Bücher: Heinrich Heine „Bekenntnis zum Judentum“ (Confessio Judaica), eine Auswahl aus den Werken des größten jüdischen Dichters deutscher Zunge, das erschütternd dartut, wie tief der Uebergetretene doch im Judentum verwurzelt war. Und schließlich einen Band aus Micha Josef bin Gorions „Sagen der Juden“, ein wunderbares Märchenbuch für die Großen, das bezaubernde Geschichten und tiefe Weisheiten spinnt, rings um das größte weiseste Buch, um die Bibel. 5

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