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Die Welt · 1909-12-17 · 51 (17.12.1909) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
51 (17.12.1909)
Date
1909-12-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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daß sie nicht wie Kleid und Haus zeitliches und vergängliches Eigentum sei, sondern ein entlehnter Funke der Volksseele, die in der jahrtausendlangen Geschichte lebt. Gleich Noah müssen immer wieder Patriarchen und Gerechte erstehen, um die in Irrwahn und Zweifel ersäufende Generation zu retten. Sie wollen nichts anderes, als uns zur Selbstbesinnung bringen. In der Gewohnheit des täglichen Lebens, in dem tausendfältig verwirrten Getriebe der „Wirklichkeit", vergessen wir nur zu leicht die höhere wirkliche Wirklichkeit, die uns die Geschichte lehrt. Wir vergessen sie auch, wenn wir uns schon erheben, denn wir erheben uns nur langsam und merken es kaum. Aber wir erheben uns doch. Eppur se muove! Wir träumten davon, durch den Zionismus eine jüdische Kultur zu schaffen, und wir sagen wehmutsvoll: der Heldentraum hat ein kleines Geschlecht gefunden. Wir sahen im Zionismus die Kulturmacht, die als geistige Sonne alles Große, Gute und Schöne, das im Judentum schlummert, hervorzulocken und zur Reife zu bringen, bestimmt sei. Unsere Erwartungen haben sich noch nicht erfüllt, und niemand fühlt es schmerzlicher als wir. Aber nichts ist trostloser, als immer finden zu wollen, daß nichts geschehen sei, und daß alles Übel noch zu verbessern bleibe. Das ewige Gejammer ist nicht zu ertragen. Im persönlichen Leben, wie im Volksleben, muß man vorwärts streben, die Fehler gutmachen, das Versäumte nachholen, und dazu gehört vorzüglich, nichts zu verschmähen, auch das geringere Gute, wenn es wirklich geschehen ist, zu beachten und zu benutzen. Etwas ist doch geschehen! Ist nicht der zionistische Kongreß eine neue jüdische kulturelle Erscheinung? Wir müssen aus dieser Form die Grundidee herausschälen, und diese ist: das Aufleben und das Wiedererwachen der jüdischen Volksseele! Der Kongreß besiegt die quälende Zerteiltheit und lähmende Kompliziertheit, die Ängstlichkeit und Feigheit des Goluth, und erklimmt die sonnige Höhe einer nationalen Einheit. Er erreicht sie niclit materiell, er proklamiert sie nur. Aber schon in der Form, in der Theorie, im Symbol, gedeiht die Vorfrucht der Stammeseinheit, die um eine neue Verkörperung im Leben ringt. Deshalb ist der Kongreß eine kulturelle Erscheinung ersten Ranges. N. S. Hamburg als Kongreßstadt Es paßt zu der Harmonie von Tradition und Modernität im Zionismus, daß der Kongreß in Hamburg tagt, der Stadt, die neben dem rastlosen Treiben der Weltstadt so viel Sinn für das Geschichtliche zeigt. Es stimmt zu dem Glauben der zionistischen Weltanschauung an die Allgewalt zäher Beharrlichkeit, daß man in unserer Stadt zusammentritt. Und es mag mehr als eine gewichtige Frage geben, die hier den ersehnten Hafen unsers Hoffens findet. Die Hamburger Judenheit ist nicht zum erstenmal Zuschauer großer Begebenheiten im Judentum. Beide jüdische Gemeinden können auf eine lange, reiche Geschichte zurückblicken. Um das Jahr 1580 kamen die ersten Juden nach Hamburg. Vorwiegend aus Marranen und Juden romanischer Länder zusammengesetzt, entstand bald die sozial stets angesehene, wenn auch politisch rechtlose Portugiesengemeinde, deren Geschichte eine reiche Fundgrube wissenschaftlicher Studien bildet. Erst um 1610 ließen sich deutsche Juden dauernd in Hamburg nieder. In der ersten Zeit lediglich als Dienstboten portugiesischer Juden geduldet, stützten sie sich später vielfach auf die vermöge der politischen Klugheit der Dänen weniger beengte Altonaer hochdeutsche Gemeinde. Allmählich bildete sich die große Dreieinheit Hamburg-Altona-Wandsbeck. Eines der bedeutendsten Daten ihrer Geschichte bildet der denkwürdige Amulettstreit zwischen Jonathan Eybenschütz und Jacob Emden. Auch den Hamburger Juden brachte die Zeit nach den Befreiungskriegen nicht die ersehnte Freiheit. In dieser Zeit entstand der Tempel, die Gründung des Reformjudentums, die den schärfsten Widerstand des Chacham Bernays herausforderte. Er war der Lehrer von Samson Raphael Hirsch und führte die deutsche Predigt ein. Heinrich Heine, Salomon Heine, Gabriel Rießer sind weitere Erinnerungen der Hamburger Juden. Die Deutsch-Israelitische Gemeinde, deren gesetzliche Konstitution 1864 durch Senat und Bürgerschaft erfolgte, bildet einen Typ für sich. Ihr unterstellt war das Armen-, Schul- und Begräbniswesen, nicht aber der rituelle Kultus. Dieser ist Sache des orthodoxen Synagogenverbandes, dessen Antipoden der Israelitische Tempelverband bildet. Außerdem gibt es neben den alten Lernstätten der verschiedenen „Klausen" zahlreiche kleine orthodoxe Synagogen. Überhaupt tritt gegenwärtig im öffentlichen jüdischen Leben mehr das orthodoxe Element hervor. Mannigfach ist besonders die Zahl der sozialen jüdischen Vereine Hamburgs. Das ist selbstverständlich für jeden, der Hamburgs Bedeutung für das jüdische Auswandererwesen kennt. Die geräumigen Auswandererhallen der Hamburg-Amerika-Linie bieten uns so manches eindringliche Bild jüdischen Elends und jüdischer Zuversicht. Neben den für eine Großstadt selbstverständlichen Zweigen der großen Organisationen kommt vor allem die 1882 begründete Henry-Jones-Loge in Betracht, die sich immer mehr als wirksamer Förderer jüdischen Lebens erweist. Von ihrer jungen Schwester, der in diesem Jahr gegründeten Steinthal-Loge, ist das gleiche zu hoffen. Erwähnenswert sind noch das arbeitsame Gemeinschaftsheim (Toynbee-Hall) und der Jüdische Jugendbund, Gründungen unsers verstorbenen Gustav Tuch. Auch das jüdische Kunstgewerbe hat in dem jungen „Bezalel" eine Stätte gefunden, In Hamburg gibt es 500 Schekelzahler, Zu den Gründern unserer Ortsgruppe gehörte auch Gustav G. Cohen. Die 19000 Hamburger Juden verteilen sich auf alle sozialen Schichten. Die Jahreszeit und die Überlastung der Delegierten, die sie nötigt, gesellschaftliche Veranstaltungen während des Kongresses möglichst zu meiden, hindern uns, unsern Gästen unsere Vaterstadt im schönsten Lichte zu zeigen. Und Hamburg kann doch mit Stolz auf die Elbe mit dem gigantischen Hafen und die idyllischen Alsterufer hinweisen, die im Sommer allerdings ungleich stärker auf den Besucher wirken. Aber wenn auch unsere Freunde Hamburg nicht genau kennen gelernt haben, den Eindruck mögen sie mit sich nehmen, daß die Hamburger Zionisten niemals ihr Ziel aus den Augen verlieren werden. Dr. Oscar Nathan.

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