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Ost und West · 1914-03-01 · Heft 3 (März 1914) · p. Seite 221 - 222

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 3 (März 1914)
Article
Zur Geschichte des Chief-Rabbinats in England
Date
1914-03-01
Page
Seite 221 - 222 (sequence 2)
Language
German
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221 Dr. S. M. Melamed: Zur Geschichte des Chief-Rabbinats in England. 222 geworden. Marcus, ein etwas abenteuerlicher Geist, mißachtete selbst das behördliche Verbot und erbaute seine Synagoge, die im Jahre 1726 ihrer Bestimmung feierlich übergeben wurde. Sowohl die offizielle aschkenasische Gemeinde, die angab, die anglisierte zu sein, sowie die Sonderg^emeinde hatten ihre eigenen Rabbiner, ihre besonderen charitativen und sozialen Institutionen und ihre eigenen Friedhöfe. Der Kampf um die Oberherrschaft über die englische Judenheit dauerte noch nach dem im Jahre 1756 erfolgten Tod von Eabbi Aaron Hart an. Sein Nachfolger, Rabbi Hirsch Löbel, geboren im Jahre 1721 in Rescha,1) verdankte seine Ernennung seiner eifrigen Polemik gegen Rabbi Jonathan Eibenschütz, der beschuldigt war, ein Anhänger des Sabbatai Zewi gewesen zu sein. Er kämpfte tapfer an der Seite seines Onkels, Rabbi Jacob Emden, und machte sich durch seine Pamphlete gegen Eibenschütz in der gesamten Judenheit berühmt. Aber bald nach seiner Ankunft in London erstand ihm ein Opponent in der Person des Jacob Kimchi, der seine Schechita in Frage stellte. Die Gemeindeverwaltung untersagte dem Rabbiner, um eine Polemik in dieser Angelegenheit zu vermeiden, sich zu verteidigen. Rabbi Löb konnte sich diesen auf ihn ausgeübten Druck nicht gefallen lassen und demissionierte schon nach kurzer Zeit, obgleich er für die damaligen Verhältnisse das hohe Gehalt von £ 250 jährlich bezog. Eine andere Version besagt, daß er seinen Posten verließ, weil er seine Autorität als religiöser Erzieher nicht geltend machen konnte. Es wurde ihm untersagt, talmudische Hochschulen nach kontinentaler Art einzuführen. Er nahm alsdann eine Berufung nach Halberstadt an, und war auch später in Mannheim und Berlin als Rabbiner tätig. Von ihm stammt die folgende Charakterisierung der drei jüdischen Gemeinden in London, Mannheim und Berlin: „In London hatte ich Geld, aber keine Juden, in Mannheim Juden, aber kein Geld, und in Berlin hatte ich weder Juden noch Geld." Rabbi Löb war für seine Zeit nicht nur ein großer Talmudist, sondern auch ein in profanen "Wissenschaften bewanderter Mann. Er beschäftigte sich mit Physik und Geometrie, mit Religionsphilosophie und jüdischer Geschichte und billigte die Pentateuch-Uebersetzung seines Freundes Mendelssohn. Die zerrütteten Gemeindeverhältnisse dauerten auch nach dem Fortgang von Rabbi Löb an. Die offizielle Gemeinde, bestrebt, die Oberherrschaft über die gesamte englische Judenheit, die damals mit wenigen Ausnahmen auf London konzentriert war, zu erringen, hatte es sich zur Regel gemacht, keine neue Gemeinde aufkommen zu lassen und die Gründung von neuen Synagogen, die durch den Zuwachs der jüdischen Bevölkerung notwendig geworden war, um jeden Preis zu hintertreiben . . . Als um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts einige Mitglieder der bereits l) Rzeszöw in Galizien. bestehenden Gemeinden sich zusammentaten, um die notwendig gewordene Errichtung einer neuen Synagoge in die Wege zu leiten, beriefen die Führer eine Konferenz ein, in der beschlossen wurde, den Geistlichen der bestehenden Synagogen zu verbieten, geistliche Funktionen irgendwelcher Art in der neu zu gründenden Gemeinde zu verrichten. Um eine Vergrößerung der neu zu gründenden Gemeinde zu verhindern, wurde diese Resolution an mehreren Sabbaten von der Kanzel der offiziellen Synagoge verlesen. Aber trotzdem wurde die neue Synagoge errichtet. Nach einiger Zeit kam auch eine Aussöhnung zwischen den beiden Gemeinden zustande. Aus all diesen Kämpfen innerhalb der jungen Gemeinde kann man die eine Tendenz deutlich ersehen: Von Anfang an war das Bestreben der Führer der jungen Gemeinde, eine straffe Zentralisation nach dem Muster der sephardisehen Gemeinde aufrecht zu erhalten, und als diese erstrebte Zentralisation durch die episkopalen Befugnisse des ersten Rabbiners der as'chkenasischen Gemeinde nicht zu verwirklichen war, entzogen die Parnassim den nachfolgenden Rabbinern die großen episkopalen Machtbefugnisse, um selbst, lediglich mit politischen Mitteln, diese Zentralisation zu bewerkstelligen. Zum Nachfolger des Rabbi Löb wurde der seinerzeit berühmte Rabbi Tewele Schiff im Jahre 1765 ernannt. Reb Tewele war der Sohn des Rabbi Salomon Schiff aus Frankfurt a. M. und ein Jünger der zu ihrer Zeit berühmten Talmudisten Rabbi Joshuah Falk aus Lemberg und Rabbi Löb Sinzheim aus Worms. Als Reb Tew7ele nach London berufen wurde, zählte die offizielle Gemeinde schon mehr als 1000 Mitglieder, allein der größte Teil der Mitglieder war noch so arm, daß sie kaum ihre Gemeindesteuer zu entrichten in der Lage waren. Die Gemeinde mußte schwer um ihre Existenz kämpfen, und es wäre sehr schlimm um sie bestellt gewesen, 'wenn ihr nicht ein älteres Mitglied ein Vermögen von annähernd 70000 Mark vermach t hiätte, das ihr ermöglichte, die von den Armen an sie gestellten Ansprüche zu erfüllen. Da die Einwanderung aus dem Osten große Dimensionen angenommen hatte und die meisten Einwanderer bettelarm waren und sich nicht ernähren konnten, glaubten die Führer der offiziellen Gemeinde bei der Regierung dahin vorstellig werden zu müssen, Maßnahmen gegen die jüdische Einwanderung zu ergreifen. Die Regierung hatte es sehr eilig, den Vorstellungen der Gemeindeführer nachzugeben und im Jahre 1772 erließen die Behörden — auf die ausdrückliche Bitte der jüdischen Gemeinde — eine Arb „Alienbill". Nur solche Juden durften in England landen, die im Besitze eines Passes waren und nachweisen konnten, daß sie aus eigenen Mitteln die Reisespesen bestritten hatten. Die im Jahre 1905 erlassene Alienbill war also nur eine Auffrischung der alten im Jahre 1772 auf Wunsch der Londoner jüdischen Gemeinde geschaffenen. .. Die Amtszeit Rabbi Teweles zeich net

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