Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1909)
- Article
- Einiges über den Apikores
- Date
- 1909-08-01
- Page
- Seite 531 - 532 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2583980-2583989-2599879--09606-2599980- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
531 Dr. Max Steif: Einiges über den Apikores. 532 schrieben wurde, ein Bubenstreich, der nur von der niedrigen Gesinnung der Gegner R. Israel Brunas Zeugnis ablegt, die gegen seine Wirksamkeit als Rabbiner aus der Fremde Protest erhoben hatten. Je mehr durch Fixierung aller rabbinischen Entscheidungen das Bestreben hervortrat, der Religion ein festes Gefüge zu geben, desto eher mußte jede, auch noch so unmerkliche Abweichung von der ausgeprägten Norm als Ketzerei gelten. Deshalb mag es erklärlich erschienen, wenn manche Bestimmungen des Schulchan Aruch zu rigoros ausgefallen. So, wenn man keine Verse und Fabeln am Sabbat lesen dürfe; eigentlich auch nicht an Wochentagen, am allerwenigsten solche, welche Liebeleien oder Ausgelassenheit zum Inhalt haben, wie die Novellen des Immanuel di Romi. Verfasser, Abschreiber und Drücker dieser Schriften seien zu den Verführern zur Sünde zu zählen, wie ja schon ein Mose da Rieti (geb. 1388) den leichtfertigen Immanuel neben anderen aus seinem „Paradiese" ausgeschlossen, weil er ,,von der Liebe gesungen". R. Josef Karo, der Verfasser des Schulchan Aruch" perhorresziert überhaupt jedes Nachdenken über religiöse Fragen und folgt auch darin seinen Vorgängern, daß er jedes Inzweifelziehen auch der agadischen Aussprüche des Talmuds gleichbedeutend mit Ketzerei hält. Eine Konsequenz solcher Anschauung ist es nur, wenn er einen vom echten Wissensdrang beseelten Mann, Asarja dei Rossi (geb. Mantua 1514), den ersten Anreger zur wissenschaftlichen Erforschung des jüdischen Schrifttums, der Ungläubigkeit verdächtigte und sich, mehr gedrängt von den eifervollen Rabbinern in Safet, mit der Absicht trug, eine an die ganze Judenheit gerichtete Verdammungsschrift formulieren zu lassen, in welcher zur Verbrennung des Werkes dei Rossis, ,,Meor Enajim", aufgefordert werden sollte. In Mantua, der Heimatgemeinde dei Rossis; verfuhr man indes glimpflicher mit ihm, indem man von Seiten des Rabbinats es nur verbot, daß Jünglinge unter 25 Jahren das Werk studieren. Hingegen hat der unter dem Namen des r,hohen Rabbi Lob" bekannte Liva b. Bezalel (geb. 1525) in seiner Schrift Beer hagolah neben anderen Denkern freier Forschung auch Asarja dei Rossi bekämpft und als Ketzer hingestellt. Und wenn auch R. Jacob Emden in seinem „Mitpachath hassforim" seine Rechtgläubigkeit verteidigt, kann er es doch nicht unterlassen, verächtlich von ihm zu sagen: ,,Ein Tor glaubt an alle Dinge." — Asarja teilte übrigens sein Schicksal mit einem anderen Geist- und Gesinnungsgenossen, dem als Grammatiker hervorragenden Elia Levita (geb. um 1469), der sich bekanntlich der besonderen Gunst des Kardinals Egidio de Viterbo zu erfreuen hatte, und sich durch den Nachweis, die hebräischen Vokalzeichen wären nicht uralt und stammten von Sinai her, noch wären sie durch Esra eingeführt worden, den Vorwurf der Ketzerei zugezogen. Daß man bei solcher Verurteilung zuweilen auch ein wenig parteiisch vorgegangen, dafür konnte als Gewährsmann der geistvolle R. Salomo Lurja (geb. um 1510) angeführt werden, der einsichtsvoll genug war, diejenigen unter den deutschen Talmudkundigen zu verspotten, welche wohl gegen Reiche und Angesehene eine weitgehende Nachsicht bei Übertretung rabbinischer Satzungen üben, dagegen den religiösen Lebenswandel solcher, die weniger bemittelt sind, auch wenn sie nur den geringfügigsten Brauch verletzen, z. B. unbedeckten Hauptes gehen, in Zweifel ziehen. Freilich darf nicht verschwiegen werden, daß auch Lurja ein Gegner der Beschäftigung mit jeglicher Philosophie war, die ihm vergiftend für den Glauben zu sein schien. Er ließ sich sogar einmal soweit hinreißen, gegen seinen nicht minder hervorragenden Zeitgenossen R. Moses Isserls (geb. 1520) einen scharfen Tadel auszusprechen, weil dieser eine Neigung für Maimunis ,,Führer" an den Tag gelegt: Dadurch nähere er sich unvorsichtig den Schlingen der Verderbnis und biete ein böses Beispiel; lieber möge er, so fügt Lurja in etwas verletzender Weise hinzu, sich befleißigen, Sprachschnitzer im hebräischen Stile zu vermeiden. (Resp. Isserls, 6.) Die Kabbala, so anspruchslos sie anfangs aufgetreten, stellte sich im Laufe der Zeit immer mehr in einen Gegensatz zum überlieferten Judentum, bis italienische Rabbiner (1588) ausdrücklich erklärten, daß die Beschäftigung mit dem Sohar zur Ketzerei führe. In einer anonymen kabbalistischen Schrift ,,Kana und Pelia" will man, wie Grätz (B. VIII, Note 8) ausführt, nur dem talmudischen Judentum einen Schlag versetzen, indem von einem scheinfrommen Rabbiner erzählt wird, er hätte sich insgeheim in seinem Hause Konkubinen gehalten und üppigen Schlemmereien ergeben. Und mag auch ein Joel Sirks (auch Bach genannt, geb. um 1560), der berühmte Kommentator zu den ,,Turim" auf eine Umfrage (Resp. 4) es gleichfalls als Wesen der Ketzerei bezeichnen, wenn man die Kabbala bespöttele, so datiert doch von ihr die arge Verirrung und Verwirrung, die durch den großen Ketzer Sabbatei Zewi angerichtet, eine geraume Zeit sogar bedeutende jüdische Köpfe umnebelte, und im gewissen Sinne an der Ensttehung wie an dem Ausbau des sog. Neu- Chassidismus in Polen Schuld trug. Was diesem letzteren die Mißbilligung aller Frommen eintragen mußte, war neben der willkürlichen Aenderung des synagopalen Ritus auch die geringschätzige Beurteilung des Talmuds wie der Talmudgelehrten. R. Elia Wilna (geb. 1722), sonst als milder und sanfter Charakter bekannt, ließ sich deshalb einmal einem Vertreter dieser Partei gegenüber zu folgenden Worten voll Erregung hinreißen: ,,Der Angriff auf meine Ehre sei dir verziehen, aber der Angriff auf die Ehre Gottes und die Thora kann dir und deinen Genossen bis in den Tod nicht verziehen werden. Für Ketzer gibt es keine Buße". Das Zeitalter Voltaires, in dem alles mit der Religion Zusammenhängende der Lauge des Spottes ausgesetzt ward, ist gleichfalls nicht ohne gewisse üble Folgewirkungen auch an den Juden vorübergegangen. Es waren wieder, wie schon einigemal zuvor, zwei Zeitströmungen, die aneinander gerieten, wo das Alte mit neu eindringenden Ideen im Kampfe lag, und da war es nicht zu verwundern, daß, je