Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1910)
- Date
- 1910-02-01
- Page
- Seite 36 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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36 O O o o Ar. David Milipssn: Air Keforrnbrivrgung im Judentum ^uden als Staatsbürger erklärte, und mit der ähnlichen Verordnung der batavischen Republik im Jahre {7ty6 begann. Die Folge dieser Ereignisse war ein vollständiger Umschwung in der Iudenheit. Die Juden waren wieder mit der Welt und der allgemeinen Bildung in Berührung gekommen. Damit änderte sich die alte Ordnung der Dinge, und neue Hoffnungen und Ideale beseelten Hunderte von Juden. In allen größeren jüdischen Gemeinden Deutschlands begannen Männer aufzutreten, die das neue Wissen erlangt hatten, wenn auch zuerst verhältnismäßig gering an Zahl, war ihr Einfluß nichtsdestoweniger bedeutsam, hauptsächlich wegen ihrer Kenntnisse. Lin Zeichen der Zeit war die Herausgabe der jüdischen Zeitschrift Uameassek in Königsberg im Jahre J783. Die Schar der Männer, die für diese Blätter schrieben, meistens Freunde und Schüler Mendelssohns und unter dem Namen Usassüm bekannt, haben für die Verbreitung der modernen Bildung unter ihren Glaubensgenossen viel getan. 16) In den jüdischen Gemeinden verursachten diese Ereignisse außerordentliche Unruhe, und Rabbiner der alten Schule fühlten richtig heraus, daß die neue Erziehung den alten Zeiten den Todesstoß versetzte. H) Daher ihr Bannstrahl gegen Mendelssohns Pentateuchübersetzung und gegen Hartwig wesselys offenes Sendschreiben an seine Glaubensgenossen, das ihnen riet, ihre Kinder nach den Grundsätzen zu erziehen, welche in dem Toleranzedikt Kaiser- Josefs II. von Oesterreich vom Jahre {782 niedergelegt waren, d. h. in weltlichen Unterrichtsgegenständen und in der deutschen Sprache. Allein Bannstrahlen können den Fortschritt nicht aufhallen; sie sind gewöhnlich die letzte Zuflucht von Autoritäten, die ihre Macht schwinden fühlen. 16) Die hauptsächlichsten Vertreter waren Isaak Euchel, der das Gebetbuch und die Sprüche Salomos übersetzt hat; der Arzt Michael Friedländer; der scharfsinnige Grammatiker Joel Löwe in Breslau; der Philologe Isaak Satanow in Berlin; Herz Homberg, Schulrat in Oesterreich für die dort nach dem Erlaß des Toleranzediktes Kaiser Josefs II. gegründeten jüdischen Schulen; Hartwig Wessely und Andere. 17) Noch im Jahre 1844 widersetzten sich die orthodoxen Rabbiner Ungarns der Errichtung moderner Schulen und erklärten es für einen Frevel, Talmud und Deutsch in ein und demselben Gebäude zu unterrichten. (Allgemeine Zeitung des Judentums, 8. Jahrgang, S. 583.) Aehnlich gaben die orthodoxen Rabbiner in Preßburg den Rat, einen Ausruf an die ungarischen Juden zu erlaffen, sie sollten die ihnen von der Regierung dargebotene bürgerliche Emanzipation zurückweisen. Sie erklärten den Wunsch nach politischer Gleichheit von seiten der Juden als sündhaft und als unvereinbar mit Israels Zukunstshoffnungen. (Daselbst S. 452.) Siehe auch N. Samter: Judentausen im 19. Jahrhundert, S. 16, Anm. 1. Berlin 1906. Lin interessantes Streiflicht fällt auf jene kritische Zeit, da das alte Judentum um die Erhaltung seiner Macht kämpfte und das neue noch nicht ins Leben getreten war, durch das Schreiben, welches einer der ersten Rabbiner an seine Gemeinde gerichtet hat. Ich meine den Abschiedsbrief des Rabbi pirsche! Levin, des betagten Gberrabbiners der Berliner Gemeinde. Er war kein Fanatiker. Der Anklage anderer Rabbiner gegen Mendelssohn und Wessely schloß er sich nicht an, im Gegenteil, er war ein Bewunderer Mendelssohns. Dieses rabbinische Oberhaupt war sehr unglücklich über die beunruhigenden Zustände, die gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts in der Hauptgemeinde der deutschen Iudenheit herrschten. Hirschel Levin erkannte wohl, daß Veränderungen bevorstanden, aber er konnte nicht begreifen, was das alles zu bedeuten hatte. Ihm schien das Judentum von irgend einer großen Gefahr bedroht und seiner Auflösung nahe zu sein. Wegen dieses traurigen Zustandes, behauptet er, wünsche er sein Amt niederzulegen und nach Jerusalem auszuwandern, um seine Tage im heiligen Lande zu beschließen, denn er könne es nicht ertragen, noch länger Zeuge des Verfalls des religiösen Lebens unter seinem Volke zu sein.is) Aus diesen Aeußerungen läßt sich mit Leichtigkeit schließen, daß die rabbinische Deutung des Judentums sich auf einen großen Teil der Gemeinde nicht inehr berufen konnte. Es bestand ein Widerspruch zwischen den Forderungen der überlieferten Religion und dem Leben, welches das Volk führte. Auch konnten diejenigen, welche die philosophische und literarische Bildung der Zeit in sich ausgenommen hatten, in der Beobachtung von Formen, Bräuchen und Zeremonien, welche die Vorfahren als einen wesentlichen Bestandteil des Glaubens anstandslos auf sich genommen hatten, keine religiöse Befriedigung finden. Kein Wunder, wenn der alle Rabbiner fühlte, wie ihm der Boden unter den Füßen entglitt. Er und seinesgleichen kannten nur eine Regel für den Juden, das war die treue Beobachtung jedes Pünktchens und Tüttelchens der im Schulchan Aruch niedergelegten Vorschriftein Hier aber waren Hunderte, die sich von dieser Verbindlichkeit nicht beschwert fühlten, ja, die manche Vorschriften, denen er besondere Wichtigkeit beimaß, völlig außer Acht ließen.i6) Obgleich nun aber die bevorstehende 18) Bernfeld Juden und Judentum im 19. Jahrhundert, S. 8. Berlin 1898. iS) Hirsche! Levins eigener Sohn, Saul Berlin, war von dem neuen Geiste beeinflußt. Im Jahre 1793 veröffentlichte er ein Buch Bessamim Rosch, angeblich eine Gutachtensammlung des Ascher ben Jechiel, einer großen rabbinischen Autorität des vierzehnten Jahrhunderts. Eine Reihe von Reformen wird da von dem Schreiber der Gutachten gutgeheißen. Das Buch wurde von Markus Benedikt, Landesrabbiner von