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Central-Verein-Zeitung · 1936-05-22 · 21 (22.5.1936) · p. [Seite]

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936) - farbig
Issue
21 (22.5.1936)
Date
1936-05-22
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Emden zu großem Segen geworden sind, sind die bis zum heutigen Tage fortwirkenden Verdienste des großen Mannes. Wenige Jahre, bevor Hirsch sein Amt in Emden antrat, war an Stelle der baufällig gewordenen eine neue Synagoge erbaut worden; die Mittel waren durch großherzige Spenden im Auslande — besonders London, Rotterdam und Amsterdam — ausgebracht worden, worüber das heute noch im Gemeindebesitz befindliche „Spendenbuch" wertvolle und aufschlußreiche Kenntnisse vermittelt. — Es war ein unersetzlicher Verlust für die Emdener Juden, als sie nach nur fünfjähriger Tätigkeit Hirsch nach Nicolsburg gehen sehen mußten. Aber für die Gemeinde war es nicht mehr möglich, für seine wirtschaftliche Sicherstellung zu sorgen. Noch t heute aber ist in Emden das Andenken an ihn, der ein wahrhafter Führer seiner Gemeinde war, lebendig, und immer wieder wird im Gespräch sein. Name als vorbildlich und richtungweisend genannt. Ein Gang vor die Tore der Stadt bringt uns auf den alten Friedhof. Man muß daraus aufmerksam gemacht werden, daß aus diesem Stück Erde jüdische Menschen schon seit Jahrhunderten ihre letzte Ruhestätte gesunden haben, sonst geht man daran vorbei — oder darüber hinweg. Denn längst sind die Grabsteine in den weichen Tors- oder Moorboden tief versunken. Dichtes Gestrüpp ist darüber gewachsen — die Zeit hat ihr ausgleichendes Werk getan. Es ist Nacht in den stillen Straßen; noch einmal gehe ich durch die Judengassen, ein scharfer, kalter Wind weht vom Hasen her und läßt das Meer ahnen, das Meer mit seiner Freiheit, seiner Weite, seiner Ewigkeit. Das Mondlicht, das die Giebel und Dächer der Häuser mit silbrigem Glanze überzieht und ein Stück Romantik in die Nüchternheit der Wirklichkeit zaubert, fällt aus die Tafel an einem Hause, die in hebräischen Lettern die Worte trägt: „Eine rechte Zeit hat Einreißen und eine rechte Zeit Bauen" (Pred. Sal. 3,3). Vor drei Jahr- Beim Beginn eines neuen Schuljahres soll man einmal, jenseits aller Diskussionen über Ziel und Gestaltung der jüdischen Schule über diese Frage allein die Zahl sprechen lassen. In Nr. 6 der C.-V.-Zeitung vom 6. Februar wurde eine Uebersicht über jüdische Schulen, Lehrer und Schüler in Preußen für das Schuljahr 1935/36 gegeben. Aus Grund des amtlichen Materials wurden 25 015 jüdische Schüler in öffentlichen und privaten Volks- und Mittelschulen (darunter auch die jüdischen) in Preußen sestgestellt. Der Bericht der Schulabteilung der Reichsvertretung der Juden in Deutschland, aus den im Artikel „Hilfe und Aufbau" in Nr. 12 der C.-V.- Zeitung vom 19. März bereits kurz verwiesen wurde, enthält wertvolle statistische Angaben über Entwicklung und Stand des jüdischen Schulwesens im Reich. Die Zahl der schulpflichtigen jüdischen Schüler und Schülerinnen in Deutschland kann gegenwärtig auf rund 44 000 geschätzt werden. Davon werden unterrichtet in hunderten schrieb diese Worte ein frommer Mann an die Stirnwand seines neu errichteten Hauses — nach drei Jahrhunderten sieht ein neues Geschlecht die Inschrift, und einen neuen Sinn gibt es den Worten. Aber ewig gleich bleibt für alle Geschlechter und für alle Zeiten der Geist, die Kraft und das große, unendliche Vertrauen! vr. E. Fr—1. In den Großstädten Im übrigen Reich Aus. Jüdischen Schulen: Bolksschulen. 14000 2000 16000 Mittl. u. höl>. Schulen... 3 500 500 4000 allgemeinen Schulen: Volksschulen: a) in Orten mit jüdischer Schule.... 5000 200 5 200 h) in Orten ohne jüdische Schule. 2 0L0 7 000 9 000 Mittl. u. höh. Schulen: a) in Orten mit jüdischer Schule. 2 500 300 2 800 b) in Orten ohne jüdische Schule. 2000 5 000 7 000 Zus.: 29 0(0 15 000 44 000 Mithin sind rund 20 000 jüdische Schüler vom jüdischen Schulwesen erfaßt. In den drei letzten Jahren hat sich danach das jüdische Schulwerk nahezu verdoppelt. Von den übrigen 24 000 schulpflichtigen Kindern sind etwa 14 000 in allgemeinen Volksschulen und rund 10 000 in allgemeinen mittleren und höheren Schulen. Die Anzahl der jüdischen Lehrer, die beschäftigt sind, beträgt zurzeit 1057; unbeschäftigt sind noch 450 Lehrkräfte, die bei zunehmender Umschulung jüdischer Schüler noch zum Teil Beschäftigung erhalten werden. Im Laufe der nächsten Zeit wird jedoch für manche Fachgebiete (Zeichnen, Turnen, Nadelarbeit, Werkunterricht usw.) Lehrermangel auftreten; eine Reihe von Lehrern, die auf Grund des Berufsbeamtentumsgesetzes von 1933 oder gemäß den Aussührungsbestimmungen zu den Nürnberger Gesetzen am 1. Januar 1936 in den Ruhestand versetzt worden sind (vgl. meinen Aussatz „Fünf unter 25 000" in Nr. 2 der C.-V.-Zeitung vom 9. Januar), steht zur Verfügung. Für die Ausbildung von Turnlehrern wurde von der Neichsvertretung gemeinsam mit dem Reichsausschuß Jüdischer Sportverbände ein sportpädagogischer Lehrgang veranstaltet, so daß der bereits große, fühlbare Mangel an jüdischen Sportlehrern etwas behoben werden konnte. Gegenwärtig findet im Anschluß an das Gymnastischorthopädische Institut Alice Bloch in Stuttgart ein von der Reichsvertretung und vom Oberrat der Israelitischen Religionsgemeinden Württembergs geförderter einjähriger Lehrgang zur Ausbildung von Turn- und Sportlehrern statt. Es fehlen auch technische Lehrerinnen zum Erteilen von Unterricht in Hauswirtschaft, Nadelarbeit usw. Um diesem Mangel abzuhelfen, veranstaltet die Reichsvertretung gemeinsam mit dem Jüdischen Frauenbund in der Haushaltungsschule in Frankfurt a. M. einen Ssieziallehrgang zur Ausbildung technischer Lehrerinnen. Dringend erwünscht ist die Ausbildung jüdischer Zeichen - und Werklehrer, da ihre Zahl nicht ausreicht. vr. Hermann Weil (Frankfurt a. M.) Die Schule am Kaiserdamm in Berlin führt mit Genehmigung der Schulaufsichtsbehörde fortan den Namen „T h e o d o r - H e r z l - S ch u l e". Schachaufgabe Rr. 63 von Paul Rosenblatt (Berlin) Matt in zwei Zügen ^Veiss: Kh2, Dbl, Tc3, Tg5, Lc4, Le5, Sb7, Sh5, Bc2, c5, d2, g2, g7 (13) Schwarz: Ke4, Da6, Ta5, Tel, Lei, Lg8, 8(14, Shl ( 8) * Lösung der Aufgabe Nr. 63: 1. 8k2—g4, Kd5Xe4, 2. Lh3—g2 matt .... Kd5—c4 2. Sg4—e3 matt .... d4—d3, 2. Sgl—f6 matt. Weiß hat keinen geeigneten Wartezug, und die bereitliegenden Mattzüge kommen in der Lösung gar nicht vor! Weiß muß seinen Angrifssplan ändern, es handelt sich also um ein sogenanntes Plan- oder Mattwechsel-Problem, auch „Fata morgana"-Problem genannt. 1. Td8Xc8 scheitert an Sd7Xe5! Lösung der Aufgabe Nr. 64: 1. Th3—b5, Lh2—e5; 2. Da3Xc3 und 3. De3—h3 bzw. Tb5—h5 matt .... d6Xb5; 2. Da3Xc3f u. 3. Dc3—h3 matt .... e7—e5; 2. Kf7—g6 u. 3. Tb5—b8 bzw. Da3—a8 matt. Schwarz kann die Mattdrohung auf der b-Linie durch 67—e5 verhindern; hierdurch wird aber dem Lh2 die Diagonale h2—b8 doppelt verstellt, so daß Weiß, mit Kg6 sortsetzend, nunmehr das Matt auf der achten Reihe durchführen kann. Richtige Lösungen der Aufgaben Nr. 63 und 64 gingen ein von: Gustav Lewi, Willy Michaelis, A. Baronowitz (Berlin), Michael Levy (Krefeld), Tierarzt Mar Koschminski (Landsberg), Hans Steinberger (Bayreuth), Dr. med. I. Meyerhoff (Rotenfels), Karl Bechhöfer, Lothar Schönthal (Nürnberg), Dr. Oster (München), Jacob Baumann (Köln), Bertram Frank (Timmern), Dr. Lothar Seewald (Hachenberg), Gottfried Gumbel (Stuttgart), Siegmund Austerlitz (Gießen), Dr. Ernst Boehm (Brieg), H. Lindner (Burgkunstadt), Adolf Schlick (Breslau), Karl Nußbaum (Rheydt), Gustav Baruch (Sebnitz), Hans Cohn, Rechtsanwalt Ludwig Mayer (Berlin), Frau Tilde Adler (Landsberg). Bon Nr. 63 von: Julius Lewy (Breslau), Walter Joelsohn, Augenarzt Dr. Czellitzer, Heinz-Günther Eisenhardt (Berlin), Otto Spanier (Bünde). Bon Nr. 64 von: Emil Bakosen (Rastatt). Nichtige Lösung von Nr. 60 und 61 gingen seinerzeit noch rechtzeitig ein von Hans Cohn (Berlin- Heiligensce). # . Schachbriefkasten. H. B. (Nürnberg). Bielen Dank für Endspiel, welches demnächst gebracht wird. — W. S. (Negensburg). Besten Dank für den Zwei- Züger, der aber nicht verwendbar ist. — K. N. (Rheydt). Wenn in Nr. 62 Weiß mit dem zweiten Zuge schon Kel—e5 zieht, so steht, wenn der schwarze L nach b2 gelangt, der Bauer erst auf b5, anstatt schon auf b6. Jetzt kann der L den weißen K hindern, über e7 nach c8 zu gehen. — Marine-Sondernummer des „Schild". Der „Schild", das Organ des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, gibt zur 20. Wiederkehr des Skagerrak-Tcmes eine Sondernummer „Juden bei der Marim" heraus. Postschlüsse nach Uebersee Vorbemerkung: Diese Uebersicht erscheint wöchentlich. Sie ist ohne Gewähr. Postschluss für Luftpostsendungen ist in Berlin beim Postamt C 2, in Frankfurt/Main beim Bahnpostamt 19 oder Flughafen. Einwurf bei anderen Postämtern oder in anderen Orten bis zu 1 Tag früher als hier vermerkt. Nordamerika a) Seeweg 25. 5. ab Berlin; 25. 5. ab Hamburg 19 Uhr („Queen Mary“ 27. 5. ab Cherbourg) 1. 6. an New-York 28.5. „ „; 28.5. „ „ 19 „ („Europa“ 29.5. „ Bremen) 4.6. „ „ 1.6. „ „; 1.6. „ „ 19 „ („Aquitania“ 3.6. ,, Cherbourg) 9.6. „ „ b) Luftweg 30. 5. ab Köln 10 Uhr; an Cherbourg 10 Uhr 30 Min.; 30. 5. ab Cherbourg (Schiff); 4. 6. an Rew-York (Zuschlag auf Auslandsporto 15 Pf. für je 2Q g) Südamerika a) Seeweg 23.5. ab Berlin; 24.5. ab Hamburg 8 Uhr; (Schiff 27.5. ab Lissabon) 8.6. an Rio; 12.6. an Buenos Aires 26.5. „ „; 27.5. „ „ 19 „; ( „ 30.5. „ Bordeaux) 11.6. „ „; 14.6. „ „ b) Luftweg 23. 5. ab Berlin 9 Uhr; ab Frankfurt/Main 13 Uhr (Französische Luftpost), Laufzeit 5 Tage 27.5. „ „ 21 „; „ „ ,, 24 „ (Deutsche Luftpost), „ 3 „ (Zuschlag auf Auslandsporto nach Brasilien 1,25 RM für je 5 §, nach Argentinien 1,50 RM für je 5 g) Südafrika a) Seeweg 24.5. ab Hamburg 19 Uhr; 25.5. ab Frankf.iM. 19 Uhr; 27. 5. 27.5. ,, „ 19 ,,; 28.5, „ Köln 21 Uhr; 29,5. ab Marseille (Schiff), „ Southampton (Schiff), Laufzeit ca. 15 Tage „ >, 15 „ 23. 5. ab Berlin 10 Uhr 15 Min., 27.5. „ „ 10 Uhr 15 Min., Palästina 24.5. ab München 26.5. 28. 5. 22. 5. 23.5. 24. 5. 26.5. 27. 5. 28. 5. 9 Uhr; ab München „ Berlin „ Berlin ,, München „ Berlin „ Berlin b) Luftweg Laufzeit 8—9 Tage ,, 8—9 „ (Zuschlag auf Auslandsporto 35 Pf. für je 5 g) a) Seeweg 23. 5. ab Berlin 13 Uhr (Schiff 26. 5. ab Piräus), 27.5. „ München 9 Uhr ( „ 28.5. „ Brindisi), 28.5. „ München 20 Uhr ( „ 30.5. „ Neapel), b) Luftweg Laufzeit bis Jaffa 2 Tage ab München 18 Uhr „ „ Jaffa 2 „ „ ., Jaffa 2 „ „ „ Jaffa 2 „ „ „ Jaffa 2 ,, 10 Uhr; 28.5. ab München 18 Uhr - ,,' „ Jaffa 2 „ (Zuschlag auf Auslandsporto 10 Pf. für je 5 g, mindestens 15 Pf.) Frankfurt/Main 19 Uhr; Frankfurt,Main 18 Uhr; 29. 5. an Haifa 1. 6. ,, Jaffa 3. 6. „ Jaffa 18 Uhr 6 Uhr; 23.5 10 Uhr 18 Uhr 6 Uhr Zahlen sprechen Das jüdische Schulwerk in Deutschland Aus dem Prager Ghetto auf den Schachthron Zum 100. Geburtstag von William Steinitz In den Schriftstücken und Matrikeln des Alt- Prager Ghettos findet sich der Name Steinitz erstmals im Jahre 1485. Vierhundert Jahre später sollte er aus der ganzen Welt bekannt werden, als sein Träger zum Ruhm des größten Schachmeisters aufstieg. Jugend Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts lebte im sogenannten Alchinüstengüßchen der Eisenwarenhändler Lazar Steinitz. Diesem wurde am 24. Mai 1836 ein Sohn geboren, der nach seinem Großväter den altjüdischen Rainen Wolf erhielt, den er zur Zeit der Emanzipation in Wilhelm und schließlich, als er später in England ansässig geworden ivar, in William änderte. Schon früh entwickelte sich bei ihm eine starke Neigung zu nachdenklichem Grübelii. Der Vater mußte erkennen, daß Wolf für das Geschäft nichts tauge. Das Revolutionsjahr 1848 ermöglichte es ihm, ihn aus die Realschule zu schicken, wo der Knabe bald besondere Begabung für die Mathematik erkennen ließ. In seiner freien Zeit erlernte er von einem befreundeten Rabbiner das Schachspiel und verstand bald mehr davon als alle seine älteren Gegner. Als der Rabbiner den alten Lazar einmal nicht zu Hanse antraf, lud er den Knaben zum Spiel ein und — hatte die Partie rasch verloren. Erste Erfolge in Wien Bis zum Jahre 1858 blieb Steinitz in Prag. Da der Zweiundzwanzigjährige wenig Lust zu ernster Arbeit zeigte, brach seine Familie alle Beziehungen zu ihm ab und ließ ihn fast mittellos nach Wien gehen, damit er dort saine Studien auf der Polhtechnik vollende. Er nahm bei einem armen Schneider Wohnung und widmete sich intensiv dem Studium — des Schachs! Er hatte nur wenig Geld; so verfertigte er denn aus Kartonpapier ein Schachbrett und aus Spielkarten die „Figuren" und vertiefte sich in das geliebte Spiel, aus dem er ein Wissen machte, das ihm später Brot und Ruhm bringen sollte. Die offiziellen Schachkreise der Kaiserstadt blieben ihm zuerst natürlich verschlossen, denn Steinitz war arm, sehr arm. Endlich beschloß er doch die Lokale der „Wiener Schachgesellschast" zu besuchen, die im ersten Stockwerk des Cafes „Beim Fasan" untergebracht waren. Unbeweglich stand er an der Glastüre, welche die Billardsäle mit den Schachräumen verband, und verfolgte mit Interesse die begonnenen Partien. Da bemerkte ihn der Präsident des Klubs selbst und lud ihn zum Nähertreten ein. Er fragt ihn, ob er denn das Spiel auch gut verstehe und Steinitz anwortete Unbefangen, daß er sogar blind spiele. Allgemeines Erstaunen! Blind!? Also wie Philidor! Und wie der unvergleichliche Morphy, von dessen Londoner und Pariser Triumphen im Jahre 1858 die ganze Welt sprach! Diesen Ausschneider mußte man unbedingt sofort beschämen. Zwei gerade anwesende Wiener Meister, E. Pitschel und N. Falkbeer, stellten den jungen Mann gleich auf die Probe. Das Unglaubliche trat ein; beide wurden geschlagen! Man staunte, daß dieser junge Mann im Blindspiel so geübt war. Aber wieso spielte er so hervorragend ohne Ansicht des Brettes? Aus dem einfachen Grunde: weil er nie Schachfiguren besessen hatte! Lin berühmter Wettkampf Nun gab Steinitz seine Studien endgültig aus. Diese, oberflächlich betrachtet, kleine, in Wirklichkeit aber so unendliche Welt der 64 Felder zog ihn nun. vollends in ihren Bann. Im Wiener Schachklub wurde er von nun an ein gerngesehener Gast, und hier erlangte er auch die richtige praktische Ausbildung. Nach vier Jahren wurde er ordentliches Mitglied des Klubs, der ihn im Jahre 1862 als seinen Vertreter nach London zum großeninternationalen Turnier entsandte. Die Siegespalme trug er dort zwar nicht davon — er mußte sich unter 14 Teilnehmern mit dem sechsten Platz begnügen — aber trotzdem bedeutete diese Fahrt eine entscheidende Wendung für seine weitere Laufbahn. Er beschloß, sich nur noch dem Schach zu widmen, blieb in London, das ihm bessere Möglichkeiten zu bieten schien. Vier Jahre zäher Kamps mit den besten Meistern Englands und des Auslandes machten seinen Namen in der Schachwelt bekannt. Unverhofft kam Steinitz zu dem ersten bedeutenden Match seiner langen Schachlaufbahn. Im Juli 1866 entschlossen sich drei der größten Londoner Klubs, die Mittel aufzubringen, um einen Wettkampf mit dem damals berühmtesten Schachmeister, dem Deutschen Adolf Andersen, zu ermöglichen. Andersen war bis dahin von keinem europäischen Meister geschlagen worden und wurde trotz der Niederlage, die er 1857 gegen den phänomenalen Amerikaner Paul Morphy erlitten hatte, als Weltmeister betrachtet. Der Wettkampf fand in London statt. Er gehört zu den interessantesten Partien der Schachhistorie. Im ganzen wurden 14 Partien gespielt, von denen nicht eine unentschieden endete! Noch bis zur 12. Partie hatten beide Meister je 6 Gewinnpunkte. In den letzten zwei Spielen entwickelte Steinitz seine ganze Kraft und Energie und gewann beide. Damit wurde der 30jührige Steinitz faktisch Weltmeister, wenngleich dieser Titel offiziell damals noch nicht existierte. Dreissig Jahre Weltmeister Wenn wir diesem Wettkampf Steinitz—Andersen jedoch die erwähnte Bedeutung zumessen, dann war Steinitz tatsächlich 30 Jahre hindurch anerkannter Weltmeister. Seine lleberlegenheit war unbestritten. Dabei war er in Zweikämpfen bedeutend erfolgreicher als im Turnierspiel, das wir heute gewohnt sind. Steinitz jedoch war, nachdem er sich seit 1866 an großen Turnieren beteiligte, nur ein einziges Mal Turnier-Erster: in Wien 1873, aber auch da erst nach Stichkampf mit dem englischen Meister Blackburn! SonsU besetzte er gewöhnlich den zweiten oder dritten, manchmal sogar noch tiefere Plätze. Solche Mißgeschicke verstimmten ihn. Diese Scharten konnte er aber immer wieder auswetzen, indem er seine Gegner im Match (also nicht im Turnier) glatt besiegte. Das interessanteste Beispiel dieser Art ereignete sich 1883, als das zweite große internationale Turnier in London ausgetragen wurde. In diesem Turnier blieb Steimtz mit nicht weniger als drei Punkte hinter dem Sieger Zuckertort zurück. Da lud Steinitz seinen siegreichen Gegner zu einem Match ein, der zugleich ein offizieller Kampf um die Weltmeisterschaft sein solle. Zuckertort nahm an und Steinitz triumphierte über seinen weitaus jüngeren Gegner. Von 20 Partien gewann er die Hälfte, fünf verlor er und fünf endeten unentschieden. Aehnlich ging es dem um vierzehn Jahre jüngeren russischen Meister M. I. Tschigorin. Auch diesem war es gelungen, Steinitz in einem Turnier hinter sich zu lassen; aber auch er mußte die Ueberlegenheit des Weltmeisters in einem Zweikampf, der 1888 in Havanna gespielt wurde, anerkennen. Abstieg vom Ruhm Der breiten Masse kamen die Partien Steinitz' langweilig vor, weil sie seiner feinen Strategie nicht zu folgen vermochte. Erst im Jahre 1894 bzw. 1897 (zweites Match mit Laster) erfolgte der Fall des Weltmeisters, bedingt durch sein hohes Alter. Wenn es nicht Lasker gewesen wäre, der Steinitz entthronte, hätte es auch jeder anders seiner Schüler sein können. Wenn es gerade Lasker war, so hat das vielleicht die symbolische Bedeutung, daß über den Führer der neuen Schachstrategie der Meister siegte, der über dieselben Ideen und dieselbe Intelligenz verfügte, der es aber darüber hinaus verstand, das Wesen,seines Gegners psychologisch zu erfassen. Der Schachphilvsoph Steinitz wurde von dem Philosophen Lasker geschlagen. Steinitz' größtes Verdienst ist es, das Geheimnis der offenen, „technischen" Partie erforscht zu haben; seine Prinzipien sind heute Eigentum aller Schachspieler. Er war der verläßliche Führer durch ein bis heute unerschöpftes und unerforschtes Labyrinth! Sein Geist hat den Weg bereitet, der es möglich macht, aus dem unerschöpflichen Zauberwald der Schachgeheimnisse immer neue Schönheiten ans Licht zu bringen. Er starb im Jahre -*900. Arthur Schaier.

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