Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 9 (1.3.1934)
- Date
- 1934-03-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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4e. Uhr. t>on tnflQ{an[ ' idjtcix nnb iniitloflä heit Ab- I c c b 'JU’dlt Uhr ni'flc '•'.’ati: rimn in VII (itt Dr . , Will: loiuiilidj i) bed)f mu km und . Dliicti» "i x-m. rauen* b c <i . Mrz Knut* s) IIIIIIIIIIIH d t | a B )!5 | llliliiillll U69 K.1.SO <5,1.20 ich nähme IM54 im 9289 r i anderen In besten indiuns i' los bt. :o bso Telefon. isoltnlart. feS"" i"; | s Msere schMW L§gM§N' tfmU Bernhard Lohnr regenden. Verlag i Siegfried Schalem. Verlin-SchSneberg. 2,50 E Die Legende von den „Fremden Jahren" hat I „hcTj am meisten erregt. Vielleicht weil td} sie schon -1 {niuitc, als ich sie noch nicht einmal lesen konnte, s xnmals hatte sie noch alle dje „offenbaren Zutaten i r- Mteren Aberglaubens", von denen Emil Bernhard t tU'hn sie gesäubert.hat, und ich spüre noch.mein l }!iiMid)Pö Grauen gleich am Anfang, wo nicht nur , * Mf offenbar aberglä»bisel,e Uhr dreizehn schlägt, j U wilder» auch der Rebbes Stock mitten in der Nacht . «j Inn dreizehn Uhr mutterseelenallein — klapp, klapp, ' liepp — durch, die Stube geht, um dem offenbar 1 ndcrgl,Milchen' Schulklopfer mitzuteilen, daß ’ i wiuand im Sterben liegt. Und wer anders könnte; dos sein als der Rebbe? Und nun (und so ist es! -§ «mii) bei Emil Bernlsard Cohn, und noch in der! ,E ßrinncrnng saht mich das grosie, kindlich-glaubige ' imune») betet man für den Sterbenden und als M fein Velen hilft, geht man für ihn .Lahre sam-! ->l mein", jeder schreibt in ein Buch, daß er zugunsten 1; fes Lterbendr'n auf soundsoviel Jahre seines eigcl 1 um Lebens verzichten wolle, und die liebliche Tochter! i LchulklopserS schreibt: mein ganzes Leben. Und j J cm nääiiteu Älorgen ist der Sterbende gesund und [ ’■ j fa$ Äl'ädehen tot. Und das Leben der anderen l \ geht weiter wie immer, sie werden alt und sterben l I iiiiö nur der Rebbe stirbt nicht. Er lebt ja noch! - das Leben des für ihn gestorbenen Mädchens mit, I! zuerst in einer Art von Trance noch neben seinem l; eigenen Leben und dann in phantastischer Weise ... I : Aber man lese das lieber bei E. B. Cohn nach, \ | ^r gerade dieses Nebeneinander von „zwei Seelen \ ui einer Brust" glänzend wiedergibt. Wenn ich f j irchdein über diese ganze Geschichte einer anderen 4 'JJiemmia bin, so ändert das nichts, auch für mich I nichts, au dem besonderen Wert des Legeudeu» f Auches. Ich meine allerdings, der Erzähler Hütte? mis diesem Stoff keine Legende machen sollen, i sinder» das Phantastisehe phantastisch, wirr, bunt, j wild und sprühend, toll und grausig erzählen sollen, * nicht klassizistisch wie die klassischen talmudischen Ecichichteu, sondern romantisch, und wenn schon nicht ' 'in, magischen Tybnk-Stil, so doch wenigstens ä la [i 1. A. Hoffmann. Er hätte seine Kunst auf die! v 'flrobe gestellt und jedenfalls die schiefen Gesichtsl 7 punkte des Aberglaubens und Glaubens nicht zur i lmtscheidung über einen Stoff gewählt, der an sich j J .eklultistisch" ist, die Grenzen zwischen Merglauben l imd Glauben und Realität verwischt und in jede i richtromantische Logik Löcher frißt. Anstatt den Äosf mit-all seinen Schnörkeln auszuspinnen, auf ' ß ki gegebenen Linie zu bleiben und sie zu vertiefen, s i mncht der Erzähler ein Experiment und um endlich; feiner selbstgeknüpften kunstvollen Schlinge zu enti 5 (iriien, bringt er noch zum Schluß den „welthisto- \ \ rischen Horizont" mit zwei Personen in das Märchen hinein, mit dem Gaon von Wilna und dem , Loalschein. Tanüt ist die Linie endgültig verwischt. Tiefer Einwand ist persönlich, subjektiv, und ich hätte ihn nicht machen können noch dürfen, wenn I Me Ta che und ihre Darstellung mich nicht, so oder so. angingen und gepackt hätten. Außerdem ist in dieser geistigen Gegend jetzt Hochspannungsgesahr. . | Aur einander entsprechende Elektrizitäten dürfen ] hier kund heute besonders) einander genähert wer- 'i den. In der Legende vom „Acher. Oder die Reste der ■ | Tugend" wird Hellenismus als Sünde und Todesr.--; Ursache, als das böse Prinzip dargestellt, aber nicht -L,l X MATWI Von Alice Lkein-LandssMaerR s , 25. April 1933. Heute streiten sie wieder, j l ich weiß nicht warum; ivenn ich hereinkomme, > 1 hören sie immer auf, zu reden. Das ist ab-! j ichcnlich. Ich kann nicht begreifen, was mit s f ihnen los ist. Muschi sieht so oft verweint i .t «ii?. Tabei ist morgen mein Geburtstag, und; > ich kriege Besuch: fünf Mädels aus meiner i I Klasse. Es soll Nußtorte geben und Streusel- \ \ |"d)cn, den Streusel bäckt Muschi selber.!! -Warum Elsbeth von Hadra nicht kommen f d lvill, verstehe ich auch nicht. Früher war sie j j ^lline „Beste". Jede zweite Pause bin ich f I wnst mit ihr gegangen, jetzt ist sie immer; : besetzt. Das kränkt mich, j 27. April. Ich weiß etwas Schreckliches.;; dch bin nun 12 Jahre, und Papa hat gesagt: ' , -Tas Kind soll es wissen." Also der Geburt?- sing herrlich an, eine blendende Handi . asche und dann süße Taschentücher mit „F" - lngtürlich von Tante Hella). Papa hat erst i r ^schölten: „Alberner Luxus!", aber dann hat; .* er gelacht, weil ich vor Freude hernmhvpste. j von ihm drei himmlische Bücher, f Dickens, den ich so furchtbar liebe und immer i ifbeu iverde, wenn ich auch dabei sehr vjel ‘ weme. Und diesulal also Oliver Twist und! \ 7-cnimbh Rudge und Bleakhouse/ Jetzt habe i i '«1 schon 23 Bücher! Ntuschi hat mir ein Er \ * ’.VI' gezeichnet, das klebt man ein, es ist ein j 'chw drauf, das sitzt da mit ganz ernstem i Milcht, die Arme aufgestüht und liest. Da-; Kuller steht mein Name mit schönen Buch- . sieben gemalt: Friedel Ntarzahn. Papa findet; » auch wunderbar, denn er faßte Muschi um : 4^ Schultern und sagte: „Du bist mein lieber , ^ausendsassa und bleibst es!" Und darüber wcnij^ Muschi, das ist doch zu merkwürdig. - sltgt Papa immer, ivenn Muschi uvas herrlich gerät, Sandtorte oder ein -s unper für mich oder eine neue Zeichnung, aus der antiken Dendveise heraus, sondern in unselctri öon Hellenismen übersättigten Sprachanschauung --die Folge ist, daß auch die Rechnung nicht aufK)t. In den „Wassern SiloahS" kommen der Grieche Alexander der Große und der Inder Dharrputla nach Ierusalein, aber hier geht die Rechnung auf, da sich alles im Bereich einer überrealen, wolkigen Legeridensphäre vollzieht, die international und interkonfessionell literarisch est. In den anderen Stücken, in der skurrilweisen „Empörung des Baumes", in der, grandiosen salomonischen Phantasie „Im Affenwäld" kann die Sprache des Erzählers nicht tressender, nicht einfacher und ehöner sein, imb die Legende von Rabbi Akiba ist '"'d seiitinientaldsch zugleich, so volksliedschlicht und weltweife, so balladeA iind bei- . fpielmäßig, daß man sie gleich wieder liest,, und. wenn man sie sck)on seit Jahren kennt. Dies Buch,,??? der glanzvollsten Perlen aus unseren ueberlieferungen in neuer Fassung darbietet, veralso die Kritik und leidet nicht, wenn man feststellt, daß die Fassungen verschiedenkarätig sind — es bleibt zusammen ern Diadem, keo Hirsch. SlS!!iIinS!!!Sll!!!!!lll!!!H]|l!|]!li|l|l||l]!]]|]||ii|]||||||||}]f)|||ij|||||)||||||||| ltnfcrc Weisen, ihr Andenken sei gesegnet, e» zählten: Ein reicher Heide hatte zum Nachbarn einen Judäer mit Namen Joseph, der Sabbatverehrer. Dieser wurde so genannt, weil er zu Ehren des Sabbats mehr auszugeben psleggte. als er konnte, und sich die Woche über karg ernährte, nur um den Sabbat würdig zu begehen. Er war nicht von denen, die Güter häufen, und besaß keinen heimlichen Schatz. Da sprachen eines Tages die Weisen und Sierra seher zu dem Heiden, der der Nachbar Josephs, war: Wisse, daß all dein Reichtum und deine Habe daS Erbe dieses Judäers sein werden, und er wird sich ihrer erfreuen. Darüber erschrak der Mann und ward voll Furcht; er nahm alles zusammen, waS er besaß, sein Geld und seine Kostbarkeiten, kaufte dafür eine einzige große Perle; diese nähte er in den Hut ein, den er immer aus dem Kopfe trug. Da begab es sich auf einen Tag, daß der Heide am Ufer des Euphrats lusüvandelte, als plötzlich ein starker Wind vom Meere kam, den Hut vom Kopse ^des Mannes riß und ihn ins Wasser warf. Sogleich schickte Gott einen großen Fisch, und dieser verschlang den Hut mit der Perle. Nach einigen Tagen sing ein Fischer diesen Fisch und fragte seinen Genossen: Wer wird mir wohl diesen Fisch abkaufen? Jener anüvortete: Du findest keinen bessern Käufer dafür als Joseph, den Sabbatverohrer. Und er führte ihn zu dem frommen Manne. Der kaufte den Fisch um einen hohen Preis, und als er seinen Bauch aufschnitt, um ihn zu Ehren des Sabbats zu bereiten, fand er darin die Perle. Diese verkaufte er für, viel Geld und wurde so seiner Dürftigkeit ledig. Sein Besitztum wuchs noch mehr, und er war ein reic^r Mann sein Leben lang. Aut der neuen Autgabe des im Schocken* Verlag erscheinenden Werkes „Der Born Judat \ Märchen und Geschichten, gstammelt von Micha Josef bin Corion. Dünndruckautgabc in einem Band. Preis 7,50 RM in Leinen. weil sie so geschickt ist. Wie kannda ein Mensch losheulen? Papa wurde auch gleich böse und sagte: „Du mußt vernünftig sein, Eva!" Und Muschi sagte: ,^iegt es denn an mir?" Und dann ging sie in die Küche, und Papa lief in sein Zimmer. Ich blieb ganz allein am Frühftückstisch sitzen. Aber das war noch nicht einmal das Schreckliche. Sondern abends — aber ich werde es der Reihe nach aufschreiben. Die Mädels waren eben fort, und Elsbeth hatte überhaupt nicht gratuliert, und ich räumte meine hübschen Geschenke beiseite, aber Elsbeth konnte ich gar nicht vergessen, und wenn ich von ihr sprach, da wurden die Mädels so komisch, und da habe ich es gelassen. Ich hatte mir vorgenommen, Papa zu fragen, Muschi ist immer gleich aufgeregt, seit diese Geschichten mit den Juden sind. Dabei geht es uns doch gar nichts an. (Aber das dachte ich bloß, denn jetzt geht es uns an!) Bevor ich schlafen gehe, .sitze ich immer aus Papas Schoß wie ein Baby, und wir haben die große Sprechstunde, so nennen wir es, seit ich klein war. Denn ich kann Papa immer alles fragen, -und er ist der klügste und wunderbarste Papa auf der ganzen Welt. Und Muschi bat ihn auch so entsetzlich lieb, und wie er voriges Jahr so krank war, sind wir beide vor Angst beinahe gestorben. Deshalb sagte irfr ihm auch alles von Elsbeth. Muschi saß neben uns, und ich - merkte schon, lvie sie schrecklich unruhig wurde. Das machte mich ganz traurig denn ich liebe Muschi ebenso wie Papa, bloß che darf nicht weinen, das ist nämlich )u schlimm, wenn Erwachsene heulen, und man erfährt niemals den Grund. ' Und jetzt kommt es: Papa gnckte Mnschl Io sonderbar an. nnd dann streichelte er mich, und cs zuckte so ulkt« in seinem Gesicht aber nicht vor Lachen. Dann waren -wir alle drei ans einmal ganz still. .34 stckam Fnrcht, ich weiß nicht, was ich eigentlich dachte. Aber - Mnschi stand auf - rief Pa'« stc zurück, und ich rutschte von seinem Schoß, denner Verlag für Siaaiswissenschasten und Geschichle GmbH, Verttn-Grunewald. 4,80 br. Die Comödie Fran^aise hat vor einigen Tagen Shakespeares „Coriolan" vom Spielplnn clbgesetzt, ilm zu verhindern, daß das Haus Atolitzres imnier wieder zum Schauplatz politischer Kundgebungen gemachtwurde. Der Staviskh-Skandal hat einem Kunstwerk aus dckn Jahre 1009 solche Aktualität porlieheu, daß cs 1934 zum Ausgangspunkt der blutigen Pariser Unruhen wurde. Der farbige Widerschein dieser selben Vorgänge, die noch keineswegs abgeschlossen sind, fällt auch auf das Wer! Bruno Weils, das den Pänamaskandal behandelt. Was nach dem Plan des Autors nichts sein, sollte als eine historische Darstellung von der Art seiner früheren erfolgreichen Studien über den Fall Drehfns und die Tragikomödie des Boulangismus, wird plötzlich zu einem Ereignis der Tagespolitik. Diese unerwartete und ungewollte Aktualität ändert nichts an dem bleibenden Wert der Arbeit, die den ganzen Komplex des glorreichen und kläglichen Kampfs um ein wahrhaft großes Unternehmen behandelt, beginnend mit dem Jubel um den „großen Franzosen" Ferdinand de Lesseps und endend in dem Sumpf wüster Korruption und verzweifelten Verzichts, der den halbvollcndeten Kanal zerfallen ließ, bis 10 Jahre später die Regierung der Bereinigten Staaten die Arbeit wieder aufnahm nnd die Früchte der französischen Opfer an Gut und Leben erntete. Nicht ohne Bewegung liest man immer wieder die Aeußerung Goethes, der vor 100 Jahren voraussagt, daß es für die junge Republik des Westens „durchaus unerläßlich sei", die Durchfahrt aus dem mexikanischen Meerbusen in den Stillen Ozean in die Hand zu bekommen. Hat Lesseps das verkannt? Oder wollte er, der Vetter der Kaiserin Eugenie, die Fahne Frankreichs auf dem amerikanischen Kontinent auspflanzen und das mexikanische Abenteuer in verwandelter Gestalt wiederholen, das dem Oesterreicher Atax das Leben gekostet? Sicher hatte dieser Mann ungewöhnliches Format, der als Erbauer des Suezkanals mit 65'Jahren den Gipfel des Erfolgs erreichte, mit 75 Jahren das noch viel größere Abenteuer in Mittolamerika wagte und mjt 85 Jahren in den Abgrund der Schmach versank. . Bei der Eröffnung des von ihm geschaffenen Seewegs nach Indien war er mit Christoph ColumbuS verglichen worden. In der Hochstimmung jenes Tages — ein Jahr vor dem Sturz des dritten Kaiserreiches — dachte niemand bei dieser Parallele an das Schicksal des Genuesen, der aus dem neuentdeckten.Land in Ketten nach Spanien gebracht wurde! Die Ironie der Geschichte wiederholte sich. Ein Jahr vor dem Konkurs der Panama-Gesellschaft stand Lesseps auf der Höhe des Ruhms, nicht nur in Frankreich. In Berlin ist er 1887 Ehrengast des alten Kaisers und Bismarck spricht mit ihm, der überall von einer begeisterten Menge begrüßt wird, mit der reifen Skepsis des Großen, der die Höhen und Tiefen kennt. „Früher konnte ich," sagt der Kanzler, „in Berlin nicht über die Straße gehen. war auch aufgestanden und sagte etwas aus Englisch, das ich nicht verstand. (Soweit sind wir noch nicht in der Schule.) Aber Muschi hat gerufen: „Feige — o nein!" Und dann setzte sie sich wieder hin. Worauf Papa den Satz sagte: „Das Kind soll es wissen!" Und dann haben sie beide auf mich eingesprochen, und ich begriff es erst gar nicht, denn es war so gräßlich neu für mich, und auch von Oma dachte ich es nie im Traum, und von Tante Hella nicht, aber von meiner Dtuschi schon überhaupt nicht! Also meine geliebte einzige Muschi ist eine Jüdin, und ihre Eltern und Schrvestern — alles Juden! Lieber Gott — ist denn das eüvas Schlimmes, daß Elsbeth deshalb mir nicht einmal gratuliert? Ich kann jetzt nicht mehr darüber Nachdenken — ich bin zu müde. Ach, das ist mein Geburtstag — ich hatte mich so daraus gefreut! — Lieber Gott- 7. Mai. Ich sehe Elsbeth gar nicht mehr an. Jetzt weiß ich ja erst, warum sie nur noch mit Charlotte Borrmann geht. Das ist natürlich angenehmer', wenn der Papa und die Mama dieselbe Religion haben. Ich schreibe gar nicht mehr Tagebuch, ich lause immer gleich nach den Schularbeiten zu Anni Schloß, das sind auch Juden, ich will den'Unterschied lvissen, ich denke fortwährend daran. Also ich bin getauft und eine Christin, weil Papa doch ein.Christ^ ist — da gehört nun Vtuschi nicht mehr richtig zu uns — das wäre doch entsetzlich! Ich kann , es nicht verstehen — Muschi ist doch Papas Frau, und sie sind dreizehn Jahre zusammen. Und alles war gut! lieber- Haupt gibt es keine bessere Mnschi als meine, und ich bin furchtbar unglücklich — 11. Mai. Oma sagt, ich soll niemals mehr mit den Eltern davon sprechen. Es wäre ein zu gefährliches Feld. Sie hat immer solche Ausdrücke. Aber sie ist goldig, und sie läßt mich mit ihren alten Schmucksachen spielen und erzählt so schöne Geschichten von Großvater. der war Ehrenbürger. Natürlich war er auch Jude. Es macht mich ganz krank, daß ich jetzt, forüvährend daran denken muß. Die ohne daß die Leute vor mir ausspuckteu, um ihren Abscheu auszudrücken. Jetzt drängt man sich mir derart in den Weg, daß ich kaum , mehr ausgehen kann. Vielleicht kommt noch ein Tag, wo man wieder vor mir ausspucken wird. Das ist unser aller Geschick." Lesieps, der verwöhnte Liebling des Glücks, kurz vorher zum 15. Male Vater geworden, kehrt lächelnd nach Paris zurück, ivie immer als Sieger empfangen. Er ist so populär, daß er es wagen, kann, jetzt, auf dem Höhepunkt der nationalistischen llmtrieb des Generals Boulanger. die fast zum Krieg geführt hätten, von der „natürlichen Bundesgenossenschaft Deutschlands und Frankreichs" zu sprechen. Ein großer Niann! Ein großes Unternehmen! Eine glorreiche Tat, wenn sie glückt. Um so tiefer ist der Fall, als der Krach kommt, der völlige Zusammenbruch des Kolosses, dessen Fundament von Anfang an zu schwach gewesen war. 850000 Franzosen hatten ihre guten Goldstücke ans den Sparstrümpfen geholt. Trügerische Hoffnungen und betrügerische Berechnungen hatten blindgläubige Gefolgschaft gefunden. Dian hatte glauben wollen und nicht zweifeln. Jetzt tat es wohl, zu hören, daß man nicht der eigenen Leichtgläubigkeit zum Opfer gefallen war, sondern einem verbrecherischen Komplott. Bruno. Weil gibt ein ebenso umfassendes wie lebendiges Bild des Skandals, der „Panama" zu einem geflügelten Wort genwcht hat. Man erlebt die Stimmungen in der Kammer und auf den Boulevards mit, die Ziveisel in den geheimen Beratungen der Staatsmänner, die großen Worte in den Gerichtssälen, die Enthüllungen der Skandal- Presse, die um so lauter schreit, je beredter sie vorher geschwiegen hatte solange es sich lohnte. Die Boulangisten, deren Held lächerlich und damit unschädlich geworden war, glauben die große Stunde innerpolitischer Revanche gekommen.. Mit dem koniprvmittierten Parlament soll die verhaßte Republik getroffen und gestürzt werden. Aber während die Hauptstadt in immer neuen Erregungen erzittert^ bleibt das Land ruhig. Die Wahlen bringen einen! überwältigenden Triumph der Republikaner. Der Schild der „Staatsraison" deckt mit deu Unschuldigen auch die Schuldigen. Nur Clemenceau bleibt aus der Strecke. Er hat für seine Zeitung „Justice" Geld genommen, und man hält ihn für einen Agenten des englischen Erbfeindes. Seine Wähler lassen ihn im Stich. Er gilt bei Freund und Feind als erledigt. Nach 10 Jahren kommt er wieder. Härter, menschenverachtender, unausstehlicher, stärker als je. Ein Minister und ein paa, Nebenfiguren wandern ins Gefängnis. Auch Eiffeh, der die Panamaschleusen liefern soll, wird ver^ urteilt. Aber die Weltausstellung von 1889, deren Hauptattraktion sein Eisenturm ist. beweist alle« Welt, daß die Panamaverluste, die moralischen und die materiellen, die Kraft des Landes nicht er« schüttert hatten. Werls Buch liest sich, bei aller Sachlichkeit, w!S ein spannender Roman. Stets um Objektivität bemüht, zeigt er die Sachkenntnis des Historikers und' Mädels haben mir erzählt, daß Elsbeth gesagt hat, ich wäre nun keine Deutsche mehr, Ich habe den ganzen Abend im Bett geheult, aber Muschi lasse ich es nicht merken, sonst denkt sie, daß sie schuld daran ist! Ich gucke abends immer in den Spiegel, wenn Muschi heraus ist nach dem Gute-Nacht-sagen. Ich bin! blond, meine Augen sind grau und die Nase! gerade. „Wie Papa —", sagt Muschi, und das sagt sie jetzt so oft: „Gott sei Dank, daß das Kind nichts von mir hat!" Ich war wütend darüber, als ob ich von meiner Muschi nicht gerade so gern ebvas hätte! Sie ist überhaupt viel, viel schöner als Frau Borrmann. 17. Mai. Also jetzt kann ich gar nichts mehr begreifen: ich bin nun auch keine Christin mehr, das kommt von den Großeltern, und nun gehöre ich wieder mehr zu Mutti als zu Papa! Das ist auch nicht gut, ach, gar nicht gut, ich ängstige mich — Papa ist ganz verändert, und .Muschi spricht bei Tisch kein Wort. Anni Schloß ist besser dran. Niemand weiß, wie mir zumute ist. Ich will doch zu ihnen beiden gehören — 23. Mai. Heute ist Papa nicht zum Essen gekommen, Muschi ist halb verrückt vor Aufregung, es ist irgend etwas mit der Professur« Dluschi spricht immer vor sich hin, ich habe gehört, wie sie sagte: „Er muß mich ja hassen lernen — ich verderbe ihm alles!" — Ich ". iverde zu Oma laufen, denn' ich kann solche Worte gar nicht mitanhören! Kann denn Papa die Mutti hassen? Oma spricht mit mir. als ob ich schon groß wäre Früher tat das mein Papa auch. Jetzt hat er niemals Zeit für mich, und ich traue mich auch nicht mehr, ihn über diese Dinge zu fragen. Er steht so finster aus, mein lieber Papa. Wenn ich nur ivüßte, warum nicht alle Leute gleich sein können? Die Katholiken haben doch auch ihren Gott, und die Alohammedaner — Papa hat mir einmal erklärt, daß der Gottgedanke die Hauptsache ist. Aber es ist etwas mit der Rasse — ich begreife nicht, daß es srüher so gut ging —