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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1914-01-01 · 2 (1914) · p. Seite 42

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
17 (1914)
Issue
2 (1914)
Date
1914-01-01
Page
Seite 42 (sequence 10)
Language
German
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— 42 — Menachem Mendel Satanower, mit seinem eigentlichen Namen Lewin, ist um das Jahr 1750 in Satanow,1) einem kleinen polnischen Städtchen, geboren. Er erhielt, wie alle seine Zeitgenossen, eine orthodox-jüdische Erziehung. Schon als kleiner Knabe beherrschte er glänzend den Talmud samt seinen wichtigsten Kommentaren, Kenntnisse, welchen er seinen Ruf als Illuj verdankte. Im eifrigen Talmudstudium, fremd jedwedem äusseren Einflüsse, verbrachte er seine Jugend. Aber eines Tages trat in seinem geistigen Leben eine tiefe Aenderung ein. Der streng orthodoxe polnische Judenjüngling fand in der reichhaltigen Synagogenbibliothek ein Buch, das in seinem Leben eine geistige Revolution hervorbringen sollte. Es war dies das Werk des Joseph Salomo Delmedigo.2) Er begann sich jetzt mehr für das allgemeine Wissen zu interessieren. Es erwachte in ihm die Begierde, das ganze All mit der Vernunft zu begreifen. Er begann sich fleissig mit den mathematischen Wissenschaften zu beschäftigen. Mühsam eignete er sich die wichtigsten Elementarbegriffe der Mathematik und Naturlehre an. Es fehlte ihm an wissenschaftlichen Behelfen, und in Satanow war es freilich schwierig, die allernötigsten Bücher aufzutreiben. Hier in Satanow, durch welches'zahlreiche Kaufleute aus Deutschland reisten, drang zu ihm die Kunde von einer neuen jüdischen Bewegung in Deutschland. Ihr Hauptsitz, Berlin, wurde nun sein Lebensziel; dahin wollte er ziehen, um sein Wissen zu erweitern. Tatsächlich sollte er bald Berlin sehen. Er zog sich ein Augenleiden zu und musste nach Berlin fahren (1780), um sich daselbst heilen zu lassen. Sogleich nach seiner Ankunft in Berlin suchte er die hier lebenden Landsleute Isak Satanow, Salomo Dubno u. a. auf, um mit den jüdischen Aufklärern in nähere Beziehungen zu treten. Dank diesem Umstände lernte er auch den Führer dieser neuen Bewegung, Moses Mendelssohn, kennen. Mendelssohn gefiel dieser wissbegierige, wenn auch unsystematisch gebildete polnische Judenjüngling und er führte ihn auch seinem Schülerkreise zu. In Mendelssohns Hause lernte er Lessing und Salomon Maimon kennen, genoss er den Umgang bedeutender Schriftsteller wie Teller, Reimarus und Engel,3) deren Verkehr ihn zu weiteren Studien aneiferte. Während seiner Anwesenheit in Berlin hatte er auch grosse Fortschritte in der Mathematik und Naturwissenschaft gemacht. Nach zwei Jahren (1783) musste er in seine Heimat zurückkehren. Der Abschied von Mendelssohn und *) Da er lange Zeit in Mikolajow wohnte, war er seinen Zeitgenossen unter dem Namen Mendel Mikolajower bekannt. 2) Joseph Salomo Delmedigo aus Kandia (XVII. Jahrhundert) ist als Philosoph bekannt. Er verkehrte lange Zeit mit dem Karäer Zarach von Troki. Sein Lebenswerk ist das mathem. - phiios. Werk „Elim". 3) Lettens: S. J. Rappaport in „Wertheimers Jahrbuch der Israeliten", Jg. 1857/1858, S. 208.

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