Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 4 (18.2.1921)
- Date
- 1921-02-18
- Page
- Seite 44 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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44 der Bühne in schärfster Weise Stellung genommen. Der „Dichter" des Joses-Spiels dagegen läßt einen leibhaftigen Wolf vor dem Erzvater Jakob erscheinen. Die Sache trägt sich nämlich folgendermaßen zu: Nachdem man dem alten Jakob das blutgetränkte Aermelkleid Josefs überbringt, mit den Worten: Usleer no huk'thoneth bincha hi im lo" („Sieh nach, ob es der Rock deines Sohnes ist oder nicht?") — merk- ' würdigertveise wird dieser Satz im Josef-Spiel nicht jiddisch, sondern hebräisch gesprochen — jammert und wehklagt Jakob: „Ein böses Tier hat ihn gefressen, ein reißend Tier hat Josef zerrissen." Er befiehlt darauf seinen Söhnen, das reißende Tier zu sangen und vor ihn zu bringen, welcher Auftrag denn auch prompt ausgeführt wird. Der böse Wolf erscheint, und Vater Jakob schleudert ihm alle geschriebenen und ungeschriebenen Flüche an den Kopf. DaS böse Tier steht voll Ehrfurcht und voll Mitleid vor denr schmerzdurchwühlten Vater; es nimmt sehr demütig die Flüche in Empfang und tritt zerknirscht ab wie ein reuiger Sünder. Der Anfang der Mendelssohnschen Epoche bedeutet das Ende der jüdisch-deutschen Literatur in Deutschland. Die Juden in Deutschland beginnen das reine Hochdeutsch zu schreiben und ihre jüdischen Werke in rein deutscher Schriftsprache abzufassen. Dafür entwickelt sich in den slawischen Ländern eine polnisch-jüdisch-deutsche, oder 'wie man sie zutreffend nennt, eine jiddische Literatur. Im neunzehnten Jahrhundert erwacht die jüdisch-deutsche Literatur in Polen und Rußland zu neuem Leben. Gedichtsammlungen, Erzählungen, Novellen, Romane erscheinen in nicht geringer Anzahl auf dem Büchermarkt, darunter auch einige mehraktige Theaterstücke, die zunächst ausschließlich zur Lektüre bestimmt sind. Dr. E t t l i n g e r schreibt ein Theaterstück „Serkele"; Abraham Bär Gottlober eine dreiaktige Komödie: „Das Decktuch oder Zwei Hochzeiten in einer Nacht"; ein Ungenannter läßt ein Stück drucken: „Reb Chaimel, der Kozen (Reiche), ein teater in vir akten", in dessen Vorrede der Verfasser das Theaterstück als außerordentlich nützliche Lektüre anpreist und wünscht, „es soln das bichle ale linder leienen". Ein anderer Schriftsteller macht sogar den kühnen Versuch, ein Moses-Drama mit sieben „Vorstellungen" zu dichten. Dieses Drama trügt den kuriosen Titel: „Moses oder Das besreiüng der israeliten in egipjen, gemacht durch Schldmo Badchen." Die Ursachen, daß nirgends das Bedürfnis nach einer spezifisch-jüdischen Bühne vorhanden war, sind sehr zahlreich. Wohl jedes Blatt der jüdischen Geschichte zählt eine Ursache auf: Bald ist es der Selbsterhaltungstrieb, bald der starre Rabbinismus, der angeborene Wissensdrang, der mangelhaft ausgebildete Kunstsinn, vornehmlich aber die Verfolgung und Unterdrückung von außen. Dies erklärt uns. auch, warum von allen Erzeugnissen der jiddischen Literatur dieser Epoche die Dramen die schlechtesten sind. Ein Bühnenwerk, von vornherein lediglich zur Lektüre bestimmt, kann nicht ein Werk für die Bühne sein. Es war für die Juden des Ostens zweifellos kein großer Verlust, daß für die „gemachten" Bühnenwerke keine Bühnen vorhanden waren. Die Primitiven jüdischen Bühnen, die die sogenannten jüdischen Sängertruppen, wie zum Beispiel die berühmten „Brodyer Sänger", in Bierlokalen und Weinrestaurants errichteten, waren geradezu eine eindringliche Mahnung, diese verrohend wirkende „Kunst" nicht aufkeimen zu lassen. Und doch sind diese Sängertruppen, die bereits neben verschiedenen Couplets, burlesken Liedern und gereimten Zoten auch kleiriere Einakter aufzuführen pflegten, die unfreiwilligen Anreger zur Schaffung einer jüdischen Bühne gewesen. Diese Erscheinung ist beachtenswert, weil sie eine Entwicklung in umgekehrter Reihenfolge zeigt. Ueberall sonst ist das Ueberbrettl das Produkt einer theaterübersättigten Zeit; das Ueberbrettl bedeutet gewissermaßen die Ueberwinduyg des Theaters. Hier aber wurde zuerst das Ueberbrettl geschaffen und von diesem dann der Sprung zu den Brettern, die eine Welt bedeuten, gewagt. III. Der Schöpfer der jüdischen Bühne. Das Jahr 1877 war das Geburtsjahr des jüdischen Theaters. Das Geburtsland war Rumänien und die Geburtsstadt — Jassy. Und sein Schöpfer war Abraham Goldfaden, ein ehemaliger Rabbinatskandidat aus Zytomir. Goldfaden ist jener Spezies der „Badchonim" zuzuzählen, deren poetische Begabung einzig in leichtfüßigen Jmprovisaden ihren Ausdruck findet. So ein Badchen ist ein geborenes poetisches Talent, aber ungeschult, nicht genügend ausgebildet, in der Enge des Getto verkümmert; es kündet sein Vorhandensein mit wilder, ihm selbst unbewußter Zügellosigkeit. Der Improvisator vermag nur das zu bieten, waS er dem Augenblick abgerungen. Es kommt mit einem Male über ihn, er weiß selbst nicht wie, und unaufhaltsam sprudeln die Reime hervor, in denen er Sinniges und Unsinniges zusammenwürfelt. Was ihm zum Dichten mangelt, sucht er durch die wohlfeilsten Surrogate zu ersetzen. Seine Geistesarmut verbirgt er unter einem Wust von aufgeputzten Redewendungen, dem lendenlahmen Rhythmus seiner Verse hilft er mit Gesang und Melodie auf die Beine und seinem oft geistlosen Witz verschafft er durch eine komische Gebärde die erwünschte Wirkung. „Der Gründer der jüdischen Bühne nimmt vom Getto- Improvisator seinen Ausgangspunkt. Was Goldfaden — der Zögling der Rabbinerschule, der selbst kurze Zeit Lehrer an einer solchen war — nicht unmittelbar tun will, tut er mittelbar durch seine Theaterstücke. Er zerlegt, wenn man so sagen darf, den .Spaßmacher' in seine drei ihm innewohnenden Unterhaltungselemente und teilt sie unter verschiedene Personen. Er macht den einen zum Sprachrohr seiner ernsten Gedanken, gibt durch den zweiten seine Bajazzo-Mätzcheu zum besten, wobei er nicht verfehlt, diese .Leistungen' noch durch Tanz und Gesang zu .verschönen'. Aus solchen Samenkörnern sind Goldfadens Bühnenstücke emporgewachsen." — Diese Bemerkung, die den Nagel auf den Kopf trifft, fand ich in einer lesenswerten Studie über das jüdische Drama von David Prnski. In der Tat: Goldfaden war der Getto- Improvisator mit gesteigerten Fähigkeiten. Da er jedoch die Rolle eines gewöhnlichen Badchens (Hochzeitsspaßmachers) mit seiner Standeswürde nicht vereinbaren zu können glaubte, ging er hin und schuf sich ein Feld für seine dichterischen Fähigkeiten in — der jüdischen (oder vielleicht richtiger: jiddischen) Bühne. Es war eine gute Idee, eine jüdische Bühne zu schaffen, aber die Idee selbst war ursprünglich nichts mehr als eine glänzende Goldfadensche Improvisation. Wer die Entstehungsgeschichte der jüdischen Bühne kennt, wird den Zweifel an die Existenz Thespis' und seines Karrens unberechtigt finden. In Abraham Goldfaden, dem Schöpfer der jüdischen Bühne, hat Thespis seine Auferstehung gefeiert. Und Goldfaden war Pietätvoll genug, von seinem Vorgänger auch den mühebeladenen Karren mit zu übernehmen. Und er schob ihn tüchtig vorwärts: von Jassy nach Botuschani, von Botuschani nach Galatz, von Galatz nach anderen Städten in Rumänien und schließlich nach Bukarest. Die Zeitumstände waren dem Goldsadegschen Unternehmen sehr günstig. Der Russisch-Türkische Krieg lockte viele jüdische Militärlieferanten nach Bukarest und diese begrüßten das jüdische Theater mit Heller Begeisterung. Da hatten sie wenigstens in der fremden Stadl einen Ort gesunden, wo sie am Abend zusammen-