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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-10-02 · Heft 40 (2.10.1891) · p. Seite 477

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 40 (2.10.1891)
Date
1891-10-02
Page
Seite 477 (sequence 9)
Language
German
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477 man für erwachsene Gemeindemitglieder zu halten pflegte. Später hatte Abraham das Glück, daß der ebenso fromme und gelehrte als wohlthätige Schwiegersohn des R. Mardochai Tockels, Namens R. Lob, der in seinem gastlichen, Arme speisenden Hause auch talmudische Vorträge hielt, seine Aufmerksamkeit auf ihn lenkte und den als Laufbursche seines harten Stiefvaters fast verfallenen Jüngling wieder emporhob. Ohne ihn gänzlich dem Dienste seiner Eltern zu entziehen, unterrichtete er ihn und gewährte ihm in seinem Hause Verpflegung. Wie zum Dank für diese selbstlos geübte Wohlthat ist der Name dieses selbst Landshuths Forscherfleiße unbekannt gebliebenen Schwiegersohnes R. Mardochais zuerst wieder aus seines Pfleglings Abraham Aufzeichnungen zum Leben erweckt worden. Eine der angesehensten Persönlichkeiten im damaligen Berlin, durch Abstammung und Eigenruhm gleich ausgezeichnet, war R. Naftali Hirsch Neumark-Mirels oder, wie man ihn in der Gaste nannte, R. Hirsch Fränkel. Ein Förderer und Gönner aufstrebender Talente, zugleich durch Gelehrsamkeit und fleißiges Studium als Wissender geschätzt und gefeiert, war er der Mann, vor den R. Löb im Tischri des Jahres 1739 seinen Schüler Abraham zu stellen beschloß, um seine Zukunft zu begründen. Als R. Hirsch von den Fähigkeiten und der selbständigen Austastung Abrahams durch ein talmudisches Thema, das er ihm im Traktate Gittin auswählte, sich sattsam überzeugt hatte, rüttelte er ihn durch den Zuruf auf, der für das Berlin jener Tage charakteristisch ist: „Was verschläfst Du in Berlin die Zeit damit, den Soldaten Exerzieren zuzusehen, begieb Dich zu meinem Sohne David Fränkel nach Dessau, dort wird das wahre Talmudstudium Dir aufgehen, wenn Du selbst bei den vier Groschen, die Du wöchentlich dort Unterstützung erhalten wirst, kärglich solltest leben müssen." Am 1. Cheschwan 1739 verließ Abraham, da auch sein Lehrer R. Löb dem Rathe R. Hirsch Fränkels sich angeschlossen hatte, unentwegt von dem Grollen seines Stiefvaters und den Thränen seiner Mutter, mit den Empfehlungsbriefen seiner beiden Gönner ausgerüstet, seine Heimath Berlin, um in der grimmigsten Kälte nach Dessau sich zu begeben. Die Aufnahme, die er bei R. David Fränkel fand, war so ermuthigend, daß er über die erste Wehmuth der Fremde rasch hinwegkam. Wohlwollend gedachte der verehrungswürdige Mann sofort des Vaters des Schülers wie seines Großvaters, dessen litthauischer fremdartiger Aussprache er sich von den Besuchen her erinnerte, die er in dem Hause des gelehrten Mannes an manchem Sabbath hatte zu machen pflegen. Freudenthränen stürzten dem Jüngling aus den Augen, als er den Meister so wohlthuend und milde sprechen hörte, dem er nur hochpochenden Herzens sich zu nähern gewagt hatte. Sofort wurden ihm fünf Groschen für die Woche angewiesen und für den Sabbath der Freitisch im Hause des Rabbiners selber zugesichert, wenn er nicht anderwärts ausgenommen werden sollte. So günstig hatte die erste Prüfung, die R. David mit ihm angestellt, für den Ankömmling ihn eingenommen. Im Hause einer Halbschwester Namens Taube nothdürftig untergebracht, von Nathan Äeer, dem Vorsteher von Dessau. mit besten Gattin er verwandt war, für die Sonnabende und Feiertage ständig eingeladen, war Abraham rascher versorgt, als R. David erwartet hatte. Dreißig Talmudjünger besuchten damals die Vorträge R. Davids, dessen Ruhm allgemach bereits seiner Kammhöhe sich näherte. Ein Zimmer in seinem Hause stand auch bei Nacht ihrem Fleiße offen. Wer wie unser Abraham bei Wirthen wohnte, die, um Licht zu sparen, schon um 6 Uhr Abends Nacht machen mußten, fand da die Nacht hindurch für je drei Stunden eine warnie Unterkunft, wo er bei freier Beleuchtung studiren durfte. Alle drei Stunden fand eine Ablösung statt. Auch gewärmtes Wasser stand zum Gipfel alles Behagens den wachenden Studenten zur Verfügung. Aber alle Noth und Enge verschwand angesichts des inilden Lichtes, das von R. David Fränkel ausstrahlte. Er war die Spezialvorsehung seiner Schüler, um ihren Fortschritt und Aufschwung mit frommer und unablässiger Gewissenhaftigkeit bekümmert und bemüht. Durch unermüdliches Fragen überzeugte er sich bei seinen Vortrügen von dem Eifer und dem Grade der Vorbereitung, die er auf das Strengste forderte. Wie hast du dieses, wie jenes aufgefaßt, was bemerken die Erklärer zu dieser Schwierigkeit, wie bist du über diese Stelle hinweggekommen, so und ähnlich lauteten die Fragen, mit denen er unermüdlich seinen Vortrag unterbrach, unbekümmert um die Einbuße, welche die Eleganz und der Fluß seiner eigenen Darlegungen etwa dadurch leiden mußte. Der Eifer, seine Schüler mit sich emporzuheben, war so stark in ihm, daß der sanfte Mann zu thätlicher Strenge sich Hinreißen ließ, wenn er Einen oder den Andern auf einer Flüchtigkeit oder Unwissenheit ertappte. Selbst die Verpflegung für eine Woche wurde strafweise den Unfleißigen entzogen. So zwang er selbst die Trägeren und m'nder Begabten so tief in die Materie einzudringen, wie sein methodischer, lichterfüllter, zu seiner Zeit bereits die Quellen der Halacha, den alten Midrasch, berücksichtigender und stets, wo ies angeht, den jerusalemischen Talmud heranziehender Unterricht allein es ermöglichte. Diesen ' Vorträgen war fast der ganze Nachmittag gewidmet, die Zeit nach dem Tischgebete bis zum Abendgebet. Aber auch dann noch, nach, einer anderthalbstündigen Pause, nahm er den Unterricht auf, dessen Gegenstand in den Abendstunden die Rituallehre (Orach Chajjim) mit den den Erklärer herausfordernden Glossen R. Abraham Gumütners bildete. Da er auch am Vormittage bereits um die siebente Morgenstunde für die reiferen und vorgeschrittenen Schüler Vortrüge über die räbbinische Praxis nach dem Codex Jore Dea zu halten gewohnt war, so blieb ihm für seinen Privatfleiß und die schriftstellerische Thätigkeit, zu der er sich getriebeü fühlte, nur die Nacht übrig. Es war in den Kreisen seiner Schüler bekannt, daß er bereits um Mitternacht sich den Schlaf brach und seine Lagerstätte verließ, um der Erklärung des jerusalemischen Talmuds, den er in seinen Tagen noch arg vernachlässigt sah, alle Kraft und allen Eifer zu widmen. Damals kam das Werk zu Stande, das seinen Namen über die Grenzen seines Erdenwallens hinaus erhalten hat und schon bei seinen Lebzeiten die Grundlage seines Ruhmes in allen Ländern geworden ist, wo das Talmudstudium unter seinen Glaubensbrüdern Pflege fand. Von den Kindern R. David Fränkels, die namentlich bekannt geworden sind, war damals wohl nur Jehuda Löb allein erblüht. Wenigstens erfahren wir von Abraham, daß der Rabbi im Frühjahr 1740, als er zur Einweihung der eben neu erbauten Synagoge von der Gemeinde Bernburg berufen wurde, seine Frau, seinen Sohn und sieben Talmudjünger mitnahm, unter denen sich auch unser Abraham befand. Allein der so warm Empfohlene und freundlich Aufgenonnnene begriff die ganze Größe seines Lehrers nicht. Schon nach zwei Jahren duldete es ihn nicht länger in Dessau. Es verlangte ihn nach Frankfurt a. M., wo der eben aus Metz dahin berufene R. Jakob Josua, unserem Abraham noch von seiner rabbinischen Wirksamkeit in Berlin her bekannt, durch den Glanz seines Namens Schüler aus allen Gegenden Deutschlands und anderer Länder um sich versannnelte. Aber er kam nicht ans Ziel, ebenso wenig wie er die großen Erwartungen rechtfertigte, die wohlmeinende Lehrer und Gönner früh von ihm gehegt hatten. Er war eben nicht aus dem Holze, aus dem die hervorragenden Rabbiner jener Zeit geschnitzt waren. In der rauhen Schule des Lebens für die Talinudklause und ihre un.

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